Hier finden Sie die wichtigsten Artikel und Beiträge des Jahres 2008

 

"Ich liebe euch doch alle!"

Gelächter für Mielkes Liebeserklärung

In der DDR war er ein gefürchteter Mann. Am Ende seiner Karriere sorgte Stasi-Chef Erich Mielke jedoch mit einer bizarren Liebeserklärung für landesweites Gelächter.  
Bis heute ist der Auftritt des einst mächtigen Ministers für Staatssicherheit der DDR am 13. November in der Volkskammer bei vielen Menschen als Lachnummer im Gedächtnis geblieben. Sein an die verärgerten Parlamentarier gerichteter Ausruf "Ich liebe doch alle, alle Menschen!" hat bis heute mit kleinen Nuancen überlebt. Was war passiert?

Vier Tage nach dem Fall der Mauer kam die Volkskammer der langsam zusammenbrechenden DDR zusammen, um einen neuen Parlamentspräsidenten zu wählen und weitere Zeichen für einen Neuanfang zu setzen. Von einem einheitlichen Deutschland war noch keine Rede. Hans Modrow wurde mit der Bildung einer neuen Regierung beauftragt. Der Dresdner SED-Chef galt als Hoffnungsträger in der Partei und wurde auch vom Westen als "Kronprinz" Honeckers gehandelt. Als die scheidende Regierung von Willi Stoph zu ihrer Arbeit und Problemen des Landes Rede und Antwort stehen sollte, kam es zu dem denkwürdigen Auftritt Mielkes.
Kopfschütteln und Entsetzen

Er berichtet den Abgeordneten, dass die Stasi die SED-Führung "hervorragend" über die Lage in der Bevölkerung unterrichtet habe. Über kleine und große Unzulänglichkeiten, auch über das Problem der Republikfluchten. Die Stasi habe "einen außerordentlich hohen Kontakt mit allen werktätigen Menschen", sagt Mielke, der sich öfter verhaspelt und mit der Grammatik auf Kriegsfuß steht. Gelächter ertönt. Die Realität war für viele DDR-Bürger ganz anders, als sie die Stasi sah.
Unmut macht sich unter den Abgeordneten breit. "In dieser Kammer sitzen nicht nur Genossen!", wird Mielke scharf ermahnt. Nach Meinung einiger Parlamentarier hat er die Zeichen der Zeit überhaupt nicht erkannt. Der 81-Jährige nimmt die Unmutsäußerungen mit sichtbarer Verwunderung auf und ruft schließlich jene Worte aus: "Ich liebe, ich liebe doch alle, alle Menschen! Na ich liebe doch!" Bei den Anwesenden und den Fernsehzuschauern erntet Mielke Gelächter und Kopfschütteln. Opfer der Stasi und der SED-Diktatur empfinden Mielkes Worte als Verhöhnung. In seinem Ministerium soll der Auftritt blankes Entsetzen ausgelöst haben.
Am Ende einer von vielen

Mielkes ebenfalls vorgetragene Kritik an der Parteiführung, die die Analysen seines Ministeriums unberücksichtigt gelassen habe, will niemand hören. "Glaubt mir, glaubt mir, wir haben die (Informationen) gegeben", beharrt Mielke trotzig. "Das Einzigste ist", fügt er später hinzu, "dass vieles, das wir gemeldet haben, nicht berücksichtigt wurde. Und nicht eingeschätzt wurde. Wir haben versucht, nach der Verfassung und den bestehenden Gesetzen einwandfrei zu arbeiten." Wieder Kopfschütteln. 
Mielke stirbt zehneinhalb Jahre nach dem Mauerfall im Mai 2000. Seine letzte Wohnung hatte er zusammen mit seiner Frau in einem Plattenbau-Hochhaus in Berlin-Hohenschönhausen. Beerdigt wurde er in einem anonymen Massengrab. Das hätte er sich zu DDR-Zeiten mit Sicherheit nicht träumen lassen.


Veröffentlicht von Harry Hinz (hhinz) am 16.11.2009

http://www.n-tv.de/politik/dossier/Gelaechter-fuer-Mielkes-Liebeserklaerung-article588170.html
 

 

Eines der unmenschlichsten Kapitel der DDR-Geschichte


Veröffentlicht von kheidi (kheidi) am 06.10.2009

Aufwändige Recherche - Zwangsadoption, Ämter nicht uneingeschränkt hilfsbereit
von Filmautorin Mirjana Momirovic
Das Thema Zwangsadoption, das Wegreißen der Kinder aus der Obhut der leiblichen Eltern, ist heute immer noch aktuell. Noch immer leiden die Kinder und ihre Familien darunter, die zur Zeit des SED-Regimes der DDR willkürlich getrennt wurden. Und noch immer stoßen sie auf Hindernisse bei den Behörden: Es sind auch manche Jugendämter, die den Betroffenen bis heute die umfassende Unterstützung bei der Recherche nach ihren Angehörigen verweigern.
Vieles passiere subtil, sagen die Betroffenen, und "im Rahmen der gesetzlichen Möglichkeiten". Aber dass alle Stellen um Aufklärung bemüht sind: Den Eindruck hatten wir während unserer Recherchen auch nicht.
Ideologisch motivierte Zwangsadoptionen gehören zu den dunkelsten Kapiteln in der Geschichte der DDR. Doch noch immer sind viele Betroffene im Unklaren über ihr Schicksal. Trotz aller Bemühungen von Politik und Behörden sind die komplexen Zusammenhänge bis heute vielfach nicht aufgeklärt.

 
Jahrzehnte gab es nur Vermutungen. 1975 schrieb dann "Der Spiegel" erstmals über Zwangsadoptionen. Daraufhin wurde der Ostberlin-Korrespondent des Magazins ausgewiesen. 1991 wurden schließlich in einem Ostberliner Keller der ehemals staatlichen Jugendhilfe entscheidende Dokumente gefunden. In ihnen sind in mehreren Fällen eindeutig politische Gründe für die Zwangstrennungen aufgeführt.
Zwangsadoptionen wurden in der DDR sowohl gegen die Familien der Republikflüchtigen als auch gegen die Familien der Regimekritiker eingesetzt. Die seelischen Qualen, die den Eltern damit zugefügt wurden, führten oft zu schweren körperlichen und seelischen Krankheiten bis hin zum Selbstmord. Bis heute gibt es keine genauen Angaben darüber, wie viele Zwangsadoptionen stattfanden. Die Zahlen schwanken zwischen einigen hundert und 7000.
Jugendämter mauern immer noch
Obwohl wir Dank zweier Web-Portale, über die ausschließlich die Betroffenen der Zwangstrennungen in der DDR nach ihren Angehörigen suchen, sehr gezielt recherchieren konnten, dauerte es über ein Jahr, bis wir Betroffene fanden, die bereit waren, über ihr Schicksal vor der Kamera zu sprechen.
Viele der Eltern, denen die Kinder weggenommen wurden, sind auch viele Jahre nach diesem Ereignis traumatisiert und haben nach wie vor Angst. Noch heute tun sich manche Jugendämter sehr schwer mit der Aufklärung dessen, was während der DDR-Diktatur manchen Familien angetan wurde.

 
Unser besonderer Dank gilt Andreas, Erika und Jens-Marcel, die uns ihr Vertrauen geschenkt haben. Wir durften sie bei der Suche nach ihren Familienangehörigen beziehungsweise bei ihren Nachforschungen begleiten. Sie haben sich - jeder auf seine Weise - intensiv mit ihrer Vergangenheit beschäftigt: Andreas sucht nach seinem Sohn, Erika nach einer Erklärung dafür, warum sie gezwungen wurde, ihr Kind zur Adoption freizugeben.
Jens-Marcel will wissen, warum ihn seine Mutter weggeben musste. Endgültige Antworten hat bis heute keiner von ihnen gefunden. Wir wünschen allen drei viel Kraft für ihre weitere Suche.


http://37grad.zdf.de/ZDFde/inhalt/27/0,1872,7893915,00.html

Betroffene können sich bei uns melden. Stasiopfer-Selbsthilfe e.V. Heidi Stein www.kaiheidi1@gmx.de, 05374/671563

 

Über das Schönreden der SED-Diktatur


Veröffentlicht von Harry Hinz (hhinz) am 07.09.2009

Von der Öffentlichkeit unbemerkt, haben sich die entmachteten Funktionäre des SED-Regimes wieder aufgerappelt und reorganisiert.“ schreibt der Direktor der Gedenkstätte Berlin-Schönhausen Hubertus Knabe und konstatiert: „Nachdem sie zunächst den Abwehrkampf gegen Strafverfahren und Rentenbeschneidungen geführt haben, geht es ihnen jetzt um etwas, das nicht nur sie betrifft: das zukünftige Bild der untergegangenen DDR.“ Damit ist das Anliegen des Autors und der Stoff des Fakten gesättigten Buches benannt.

Der frühere Pressesprecher der Partei Die Grünen (1983) entwickelt in vier Kapiteln seine Kernthesen: Im Mittelpunkt steht die Verklärung der Diktatur bei gleichzeitigem wiedererstarken der SED-Kader. Hinzu kommt die fehlgeschlagene juristische Aufarbeitung; während DDR-Täter ohne Strafe bleiben und sich auf die bundesdeutsche Justiz stützen können, haben die Opfer des Unrechtsstaates keine Lobby und finden kaum Gehör. Schließlich mahnt Knabe, dass die Stasi weiter lebt und gegen die öffentliche Aufarbeitung der SED-Diktatur kämpft.


Leider ist die Strategie der SED-PDS-DIE LINKE sehr zielführend: Mit ihrer offenkundig kontraproduktiven Wirtschaftspolitik vergrößert sie das Heer der Arbeitslosen und Vereinigungsverlierer, die auf staatliche Alimentierung angewiesen sind. Gysi, Lafontaine, Bisky und Co. spielen sich parallel als vermeintliche prominente Fürsprecher ihrer tatsächlichen Opfer auf
 

 

Land des Schweigens

In Brandenburg wird über die Stasi gestritten, als wäre sie gerade erst aufgelöst worden. Das mag daran liegen, dass lange gar nicht gestritten wurde
Veröffentlicht von Harry Hinz (hhinz) am 30.06.2009

Maxim Leo

POTSDAM. Es ist eine Reise in die Vergangenheit, die am Vormittag des 18. Juni 2009 im Saal 306 des Potsdamer Landtages beginnt. Die Reise führt ungefähr zwei Jahrzehnte zurück, in die Epoche der vergebenen Chancen, von der manche sagen, sie hätte in Brandenburg bis heute kein Ende gefunden.


Konkret geht es an diesem Tag im Saal 306 um die Frage, ob man im Bundesland Brandenburg einen Stasi-Beauftragten haben sollte. Einen, der sich um Opfer und Täter kümmert, der sich um Anschauung und Aufklärung sorgt. Ein Historiker, der neben anderen Experten zu der Anhörung geladen ist, wird später sagen, er habe das Gefühl gehabt, in einem alten Dokumentarfilm mitzuspielen. Einem Wende-Film. "In den anderen neuen Bundesländern fragt man sich gerade, ob man die Stasi-Beauftragten überhaupt noch braucht, und in Brandenburg fangen sie jetzt erst an. Das ist schon seltsam."

Ähnlich seltsam erscheint auch die Debatte über die ehemaligen Stasi-Leute in der Brandenburger Polizei, die gerade erbittert geführt wird. Ein Fernsehbericht brachte die Sache kürzlich noch mal hoch. Eine Sache, von der die politisch Verantwortlichen in Brandenburg wussten, die sie wohl aber am liebsten vergessen hätten. Hunderte von hauptamtlichen und inoffiziellen Mitarbeitern des DDR-Spitzeldienstes sind nämlich noch immer bei der Landespolizei beschäftigt, zum Teil in führenden Positionen. Brandenburgs Innenminister erwägt, alle Stasi-Offiziere überprüfen zu lassen, obwohl es keine rechtliche Handhabe mehr gibt, sie zu entlassen. Die Parteien sind in Aufruhr, ein Wahlkampf steht bevor.

Es sieht so aus, als würde Brandenburg gerade von seiner Geschichte eingeholt, als wären zwanzig Jahre nach dem Mauerfall die längst für tot erklärten Geister wieder da, real und sehr lebendig. Der Stasi-Experte und Historiker Helmut Müller-Enbergs spricht von einem "Schweigekartell", das sich in den Jahren nach der Wende in Brandenburg etabliert habe. Ein Kartell, das von fast allen politischen Parteien getragen wurde, weil es wichtiger erschien, gemeinsam in die Zukunft zu blicken, als sich wegen der Vergangenheit zu überwerfen. Müller-Enbergs bescheinigt den politisch Verantwortlichen in Brandenburg "Desinteresse an der Aufarbeitung der SED-Diktatur". Aber Geschichte lässt sich wohl nicht auf Dauer verdrängen. Sie kommt wieder.

Im Saal 306 des Potsdamer Landtages ergreift die Fraktionsvorsitzende der Linkspartei, Kerstin Kaiser, 49 Jahre alt, das Wort. Sie hat lange, dunkle Haare, trägt einen eleganten Hosenanzug und fragt mit warmer und doch energischer Stimme, ob man denn wirklich einen Stasi-Beauftragten brauche, ob denn etwas ungeregelt geblieben sei in Brandenburg. Dazu muss man wissen, dass Kerstin Kaiser selbst inoffizielle Mitarbeiterin der Stasi war. Während ihres Studiums hat sie als "IM Kathrin" ihre Kommilitonen bespitzelt. Später hat sie alles zugegeben und bedauert, weshalb man sie in Brandenburg als demokratisch geläutert betrachtet.

Aber das alles scheint sie gerade ein bisschen vergessen zu haben. Sie redet, als hätte es die "IM Kathrin" nie gegeben. Rainer Wagner, der Vorsitzende der "Opferverbände kommunistischer Gewaltherrschaft", der an diesem Tag auch als Experte geladen ist, hört Frau Kaisers Fragen, wird rot im Gesicht, trinkt schnell einen Schluck Wasser und schweigt. Wagner hat als politischer Häftling in der DDR im Gefängnis gesessen. Später wird er sagen, diese Anhörung im Landtag sei für viele Opfer nur schwer zu ertragen gewesen. Es scheint, als hätten sich die Dinge in Brandenburg verkehrt. Die Täter von einst führen das Wort, die Opfer bleiben stumm.

Jörn Mothes sieht aus, als wäre er auch gerade aus einem Dokumentarfilm über die Wende herausgesprungen. Der 47-Jährige trägt einen mächtigen Bürgerrechtler-Bart, der ihn älter aussehen lässt als er eigentlich ist. Mothes ist in den vergangenen Monaten in Brandenburg so eine Art Entwicklungshelfer in Sachen Geschichtsaufarbeitung geworden. Zehn Jahre lang hat er als Stasi-Beauftragter in Mecklenburg-Vorpommern gearbeitet, jetzt soll er die Brandenburger auf ihrem neuen Weg beraten. Mothes spricht mit Bedacht. Er sagt, es gehe darum, die Menschen zum Nachdenken zu bringen, am besten über sich selbst. "In Brandenburg hat man nach dem Mauerfall auf recht altväterliche Weise beschlossen, die Versöhnung ganz nach vorn zu stellen. Aber man hat nicht begriffen, dass Versöhnung eine kritische Auseinandersetzung voraussetzt."

Manfred Stolpe, der Meister der Versöhnung, sitzt ein paar Tage später in einem schwarzen Lehnstuhl in der Potsdamer Landeszentrale für politische Bildung. Seine sonore Kapitänsstimme erfüllt den Raum. Er ist braungebrannt, sieht ganz zufrieden aus, lächelt sein Landesvater-Lächeln. Das hat etwas Magisches, man fühlt sich aufgehoben, beschützt. Man kann eigentlich nichts dagegen tun.

Manfred Stolpe, zwölf Jahre lang brandenburgischer Ministerpräsident und heute im Ruhestand, erklärt den Weg, den er damals, nach der Wende, eingeschlagen hat. "Unseren Weg", wie er sagt. Es sei ihm wichtig gewesen, allen Menschen eine Chance zu geben, niemanden auszuschließen. Statt in der Vergangenheit zu wühlen und Unruhe zu schaffen, sollte etwas Neues entstehen. Eine Identität, ein brandenburgischer Stolz, etwas, das weder mit der DDR noch mit dem Weststaat zu tun hatte. Etwas Eigenes. "Mir ging es immer um den durchschnittlichen Normalmenschen. Der kein Held und kein Opfer war, der seine Würde behalten wollte", sagt Stolpe.


Er beschreibt seine Brandenburger als ein Völkchen, dem es nie besonders gut ging, das über die Jahrhunderte immer wieder zusammenrücken musste, das damit beschäftigt war, sich durchzuschlagen, den Widrigkeiten des Lebens zum Trotz. "In den schwierigen Zeiten nach der Wende war es wichtig, den Leuten etwas an die Hand zu geben, einen Halt, etwas Sicherheit. Das war unsere Verantwortung."

Vor der Wende hatten die LPG-Vorsitzenden und Parteisekretäre gesagt, wo es langgeht. Dann kam Stolpe. Er war die ideale Besetzung für diese Rolle. Wenn er vorne auf der Bühne stand und "Steige hoch, du roter Adler", sang, dann hatten die Leute Tränen in den Augen und er selbst auch. Die Brandenburger wollten genau so einen Mann.


Auch und gerade als Manfred Stolpe Mitte der Neunzigerjahre in Bedrängnis geriet, weil er im Verdacht stand, als "IM Sekretär" für die Stasi gearbeitet zu haben, standen sie hinter ihm, wählten ihn mit absoluter Mehrheit, erwiesen sich als dankbar und loyal. Das war der Schulterschluss, da revanchierte sich das Volk bei seinem nachsichtigen Landesvater. Da wurde der stillschweigende Vertrag bekräftigt, dessen Präambel etwa so lautete, dass die Vergangenheit nun endgültig vergangen sein sollte. Hat er deshalb die Einsetzung eines Stasi-Beauftragten verhindert? "Ich habe das nicht verhindert, aber ich wäre auch nicht auf die Idee gekommen, dass wir so jemanden brauchen. Für Leute, die sich verfolgt fühlten, hatten wir Gerichte. Und so ein Stasi-Beauftragter wäre von den Leuten doch wie ein Kopfjäger wahrgenommen worden."

Marianne Birthler wäre dem lächelnden Stolpe, wenn sie dieses Gespräch verfolgt hätte, womöglich an die Gurgel gegangen. Diesem Landesvater, dessen Tochter sie nicht bleiben wollte. Sie ist gegangen, damals, als die Stasi-Vorwürfe gegen Stolpe massiv wurden, als sie selbst nicht mehr an seine Unschuld glauben konnte. Damals, im Oktober 1992, war sie Bildungsministerin in Brandenburg, und sie sprach offen über ihre Zweifel. Bis Manfred Stolpe sie zu einem Gespräch rief und sich die öffentlichen Angriffe verbat. Am nächsten Tag hatte Marianne Birthler ein Gespräch mit Jugendlichen, die fragten, ob der Ministerpräsident schuldig sei. Sie sagte, sie dürfe nicht darüber sprechen, dann wurde ihr schlecht und sie musste den Raum verlassen. "Ich wusste, dass mich die Loyalität zu Stolpe überfordert hätte, dass ich mich hätte verbiegen müssen, deshalb habe ich meinen Rücktritt eingereicht", sagt sie.

Sie erinnert sich noch an diese eine Kabinettssitzung im Frühjahr 1991, als sie ihren Ministerkollegen ein Konzept zur Stasi-Überprüfung im öffentlichen Dienst vorstellte. "Ich hatte erwartet, dass die Kollegen sich darüber freuen würden. Aber die Reaktionen waren zurückhaltend. Es schien niemanden zu interessieren." 

Später hat jedes Ressort einen eigenen Plan gehabt. In Birthlers Bildungsministerium musste die Hälfte der stasibelasteten Mitarbeiter gehen. "Manche fanden mich zu hart, weil ich gesagt habe, kein Lehrer mit MfS-Vergangenheit sollte wieder vor einer Klasse stehen, wenn er Menschen verraten hat." Sie hat kaum Mitarbeiter aus den Bezirks-Schulverwaltungen übernommen und sie hat Stellen freigehalten für Lehrer, die während der DDR-Zeit aus politischen Gründen geschasst worden waren. "Ich stand mit meiner Haltung ziemlich alleine da", sagt sie. Im Innenministerium zum Beispiel wurde gerade mal ein Viertel der ehemaligen Stasi-Mitarbeiter entlassen. Bei der Polizei musste nur jeder fünfte Stasi-Belastete gehen. Insgesamt gesehen, stellt der Historiker Helmut Müller-Enbergs fest, konnten sich alte Stasi-Kader in keinem anderen Bundesland so sicher fühlen wie in Brandenburg.


Das war gewollt, von einer Koalition, die über alle Parteigrenzen reichte. Bei der CDU hatte damals der spätere Fachanwalt für Stasi-Täter, Peter-Michael Diestel, das Sagen, bei der PDS schwang sich der ehemalige Chef der SED-Bezirksleitung Heinz Vietze zur Leitfigur auf. Und in der SPD thronte Manfred Stolpe. Diese drei Männer schufen den trotzigen Gründungsmythos von der "kleinen, aber besseren DDR" (Stolpe), die in Brandenburg ein neues Zuhause gefunden habe. "Das war ein verlogener Stolz, eine Identität, die auf Verdrängung beruhte", sagt Marianne Birthler.

Detlef von Schwerin hatte einen anderen Blick, als er am 1. November 1991 Polizeipräsident von Potsdam wurde. Ihm ging es um Demokratie, um ein neues Gemeinwesen. Er wollte vor allem, dass nicht dieselben Fehler gemacht werden wie in der Bundesrepublik nach dem Zweiten Weltkrieg. Detlef von Schwerin kommt aus dem Westen, er ist studierter Historiker und der Sohn des Grafen Schwerin von Schwanenfeldt, der zu den Hitler-Attentätern gehörte und in Plötzensee gehängt wurde. Er weiß, wie man sich als Opfer einer Diktatur fühlt. Er sagt, die Opfer würden nie wirklich beachtet, auch wenn immer so getan werde.

Seit ein paar Tagen ist er pensioniert. Vielleicht spricht er deshalb so frei über das, was er damals erlebt hat. Über die Leute von der K1 zum Beispiel, die bei ihm beschäftigt waren. Die K1, das war die politische Abteilung der DDR-Polizei, die bei der Bekämpfung von Regimegegnern eng mit der Stasi zusammengearbeitet hat. In Brandenburg wurden K1-Mitarbeiter ohne besondere Überprüfung in den Polizeidienst übernommen, weil sie ja nicht zur Stasi gehörten.

"Ich konnte die Übernahmen nicht rückgängig machen, aber ich wollte zumindest dafür sorgen, dass diese Leute keine Karriere machen", sagt von Schwerin. Er versuchte, die ehemaligen K1-Leute im mittleren Dienst zu halten, lehnte ihre Anträge auf Aufstiegslehrgänge wegen "fehlender persönlicher Eignung" ab. Das Innenministerium aber hob seine Entscheidungen immer wieder auf. Der damalige Innenminister Alwin Ziel war gegen eine kollektive Abstrafung der K1-Leute, weil, wie er sagte, nicht alle von ihnen politische Aufgaben gehabt hätten.

"Ich bin da komplett gescheitert, das war bitter für mich", sagt Detlef von Schwerin. Das Modell von Stolpe, alle in die neue Zeit mitzunehmen, sei der bequemste, aber auch der gefährlichste Weg, eine Diktatur abzuwickeln. "Das rächt sich spätestens dann, wenn die Kinder anfangen, Fragen zu stellen."

Am meisten hat von Schwerin gewundert, dass in den elf Jahren, in denen er in Potsdam Polizeipräsident war, nur ein einziges Mal eine Beschwerde über ein Unrecht aus DDR-Zeiten bei ihm einging. "Kein anderes Opfer hat sich je bei uns gemeldet, und die ehemaligen Volkspolizisten waren so engagiert dabei, den neuen Staat aufzubauen, dass man nur staunen konnte."


Seit einem Jahr arbeitet Detlef von Schwerin im Auftrag der Innenministerkonferenz an einer Ausstellung zur Polizei im Dritten Reich. Für eine DDR-Ausstellung sei es wahrscheinlich noch zu früh, sagt er. "Geschichte muss erst mal sacken, bevor man ihr ehrlich gegenübertreten kann."

http://www.berlinonline.de/berliner-zeitung/archiv/.bin/dump.fcgi/2009/0630/seite3/0001/index.html
 
 

Stasi-Vergangenheit - "Da kriegt man die kalte Wut"
 

Von Joachim Fahrun
Der Besuch der Kanzlerin im ehemaligen Stasi-Gefängnis in Berlin-Hohenschönhausen war als Botschaft an all jene gedacht, die die DDR-Diktatur im Rückblick verharmlosen.

Knapp eine Stunde lang besichtigte Angela Merkel die Gedenkstätte, das unterirdische Kellerverlies, den neueren Zellentrakt und den Vernehmertrakt. Gemeinsam mit drei der letzten Insassen legte sie anschließend einen Kranz nieder, um der Opfer des DDR-Regimes zu gedenken.

Im Gespräch mit Gymnasiasten aus Neuwied (Rheinland-Pfalz) wurde Angela Merkel unverhofft zur Zeitzeugin. Als die vom Blick in karge Zellen und den Erzählungen von drangsalierten Ex-Häftlingen beeindruckten Schüler sie nach ihren eigenen Erfahrungen mit der Stasi fragten, erzählte Merkel, wie sie selbst als Studentin von Stubennachbarn bespitzelt worden sei. Sie berichtete von der "täglichen Angst und den Sorgen", die das Leben denkender Menschen in der DDR begleiteten. Und sie berichtet den Jugendlichen, wie die Staatssicherheit in den 70er-Jahren versucht habe, sie als Spitzel zu gewinnen.
Als sie sich nach dem Studium auf ihre erste Stelle an der Technischen Hochschule Ilmenau bewarb, sollte sie nach dem Gespräch ihre Fahrtkosten abrechnen. Aber im Büro saß stattdessen die Stasi. "Die wollten mich werben", sagte die Kanzlerin. Als wissenschaftliche Assistentin müsse ihr doch daran gelegen sein, dass der Staat Erfolg habe, sagten die Agenten. Aber die Pfarrerstochter war durch ihre Eltern auf eine solche Situation vorbereitet. "Sie haben uns immer gesagt, wir sollen sagen, dass wir den Mund nicht halten können und allen alles weitererzählen", berichtete die Kanzlerin den überraschten Jugendlichen. Die Stasi verlor also das Interesse an IM Angela Merkel. Aber die Stelle in Thüringen bekam die Physikerin auch nicht. Stattdessen wurde ihr ein Arbeitsplatz im Glaswerk Ilmenau angeboten. Sie lehnte ab, fand später eine Stelle bei der Akademie der Wissenschaften in Berlin-Adlershof.

Eine Oppositionelle sei sie nicht gewesen, sagte Merkel offen. Aber sie wollte sich auch nicht auf zu viel Nähe einlassen zum System. Ihr war bewusst, ständig in Gefahr zu schweben, "in die Mühle" zu kommen. Ob sie etwas Positives an der DDR sehe, wollte ein Schüler wissen. "Nee", erwiderte Merkel. Dabei habe auch sie keine unglückliche Kindheit gehabt und vieles gelernt: "Aber je mehr man nachgedacht hat und Unabhängigkeit zeigte, umso mehr ist man angeeckt." Mit Respekt sprach Merkel dann von den Menschen, die Mut aufbrachten und im Stasi-Gefängnis in Hohenschönhausen landeten. Sie wisse nicht, wie sie sich verhalten hätte in einem solchen Verhör, sagte Merkel. Nicht jeder sei ein Held.
Auch zur Diskussion um die Verklärung der DDR bezog Merkel Position. Es müsse verhindert werden, dass das Sprechen über diejenigen, die mutig waren, vom Rest der DDR-Bevölkerung als Angriff auf ihr Leben aufgefasst werde. "Das finde ich unerträglich", sagte die Kanzlerin. Wenn sie sehe, dass von den Tätern der SED-Diktatur nur sehr wenige verurteilt wurden, "da kriegt man schon die kalte Wut". In der Diskussion habe sie gemerkt, wie wichtig ein solches Gespräch sei, sagte Merkel hinterher, "weil natürlich heute junge Menschen Abitur machen in Ost und West, die das gar nicht mehr persönlich erlebt haben. Und deshalb muss davon etwas weitergegeben werden".
Gedenkstättenleiter Hubertus Knabe sagte, er sei "besorgt darüber, dass die DDR-Diktatur zunehmend aus der Perspektive der Mitläufer oder gar der Täter bewertet" werde und die Sicht der Opfer vergessen werde. Wer mit den Menschen spreche, die der politischen Justiz ausgeliefert waren, der verstehe, warum die DDR ein Unrechtsstaat war.

 

Frau Kaiser von der Stasi

Ist es noch Ostalgie oder schon Gedächtnisverlust? In Brandenburg kandidert eine ehemalige Stasi-Mitarbeiterin für die Linkspartei, in Ostdeutschland prangt Ernst Thälmann auf 613 Schildern von Straßen und Plätzen. Wolfram Weimer beschreibt das verquere Bild der DDR.
 

Deutschland feiert zwanzig Jahre Mauerfall. Doch an das Grauen der DDR-Diktatur erinnert niemand mehr. Ostalgie ist in Mode, die DDR wird verklärt, und die alten SED-PDS-Linkspartei-Kader reiben sich über die kollektive Amnesie die Hände. Immer mehr Stasi-Mitarbeiter wollen nun sogar zurück in die aktive Politik - so in Brandenburg, wo die Linkspartei mit Kerstin Kaiser bei den anstehenden Landtagswahlen eine Frau zur Ministerpräsidenten machen will, die für die Stasi in ganz besonderen Fällen aktiv war - wenn es darum ging, intime Details ihres Umfeldes auszuspionieren. Über Mitstudentinnen meldete sie der Stasi nicht nur, wer "keinen gefestigten Klassenstandpunkt" habe oder wer in Klausuren abschreibe, sondern wer "Nickis auf bloßer Haut" trage und wer "sexuell stark bedürftig" sei.

Jetzt ist die eifrige Stasi-Dame Spitzenkandidatin im Linksparteien-Herzland Brandenburg und soll den einstigen Bürgerrechtler und Sozialdemokraten Mathias Platzeck um die politische Macht bringen. Nach jüngsten Umfragen liegt die Linkspartei in Brandenburg sogar vor der CDU.
Die DDR auf dem Navi
Während die Opferverbände über den Fall Kaiser entsetzt sind, regt sich im Land eigentlich niemand mehr auf. Auch nicht darüber, dass den Bürgerrechtlern und Opfern des DDR-Regimes weder Denkmäler noch Straßennamen gewidmet werden. Dagegen prangt der Name von Karl Marx, dem geistigen Vater der kommunistischen Bewegung, 550 Mal auf Schildern im Straßenbild Ostdeutschlands. 250 Straßen oder Plätze sind nach seinem Mitstreiter Friedrich Engels benannt, Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht kommen zusammen sogar auf 596 Straßen. Absoluter Spitzenreiter ist der frühere KPD-Vorsitzende Ernst Thälmann, an den 613 Straßen und Plätze erinnern. Jedes Navigationssystem zeigt: Ostdeutschland ist auch 2009 noch Thälmann-Land.


Doch zwanzig Jahre nach dem Mauerfall werden im Osten nicht nur die kommunistischen Helden verherrlicht. Auch ihre Institutionen: 337 Mal erinnern "Straßen der Jugend" an den kommunistischen FDJ-Jugendkult, 285 Mal verewigen "Straßen der Einheit" an die Zwangsvereinigung von SPD und KPD. 220 Mal bewahren "Straßen der Freundschaft" den "Bruderbund mit der Sowjetunion".

Das Problem mit dem Überdruss
Vor allem die Linkspartei wehrt sich vor Ort gegen eine Rücknahme dieses DDR-Kults, ja gegen eine kritische Aufarbeitung der DDR-Vergangenheit insgesamt. Sie kocht lieber Diktatur-Verniedlichungs-Süppchen mit einer Prise Ostalgie. Das wird dann unter dauerndem Eindreschen auf die Einheit, die Demokratie und ihre "sozialen Schieflagen" umgerührt. Die ideologische Rezeptur für dieses Gebräu liefert die Rosa-Luxemburg-Stiftung. In einer ihrer Publikationen heißt es: "Wer heute noch mehr Würdigung für die Opfer der SED-Diktatur wünscht, scheint sich der Tatsache nicht bewusst zu sein, dass eine Gedenkstättenpädagogik viel Überdruss erzeugt." Überdruss! So, so. Die Opfer stören die Täter.


Der Vorstandsvorsitzende der Luxemburg-Stiftung ist übrigens ein brandenburgischer Genosse von Frau Kaiser: Heinz Vietze. Im Wendejahr 1989 war er Bezirkschef der Potsdamer SED, verfolgte gnadenlos Bürgerrechtler und verteidigte bis zuletzt die Mauer - noch im Herbst 1989 wollte er lieber schießen und internieren als Freiheit gewähren. Aber: Erinnern wir besser nicht daran. Sie wissen schon - der Überdruss.

http://www.stern.de/politik/deutschland/:Weimers-Woche-Frau-Kaiser-Stasi/662049.htm

 


CDU und SED-Opfer begrüßen Schmökel-Urteil


Montag, 13. April 2009, 13:08 Uhr

Potsdam (dpa) - Die Ablehnung einer DDR-Opferrente für den inhaftierten Mörder Frank Schmökel durch das Oberlandesgericht Rostock ist von CDU und Opfern begrüßt worden. «Eine Opferrente für Schwerverbrecher diskreditiert die 156 000 bisher rehabilitierten politischen Verfolgten aus der ehemaligen DDR», sagte Brandenburgs CDU-Generalsekretär Dieter Dombrowski. Gedenkstättendirektor Hubertus Knabe sagte der dpa: «Viele Betroffene werden es begrüßen, dass nicht die falschen Leute von der Entschädigungsregelung profitieren.» Schmökel wollte Opferrente, weil er 1981 nach einem Fluchtversuch im zehn Monate im Gefängnis saß.


http://www.bild.de/BILD/regional/berlin/dpa/2009/04/13/cdu-und-sedopfer-begruessen-schmoekelurteil.html
 

 

Stasi-Spitzel in der eigenen Familie


«Immer wieder Dezember» erzählt von Verrat und Zersetzung der Privatsphäre
HAMBURG/DPA. Ihren Onkel hatte Susanne Schädlich sehr gemocht - diesen humorvollen Mann, der so DDR-untypisch Pfeife rauchte, Tweed-Jacken und englische Lebensart liebte. Dabei zeigte Karlheinz Schädlich stets ein offenes Ohr für die Sorgen und Gedanken seiner Familie: Zum Beispiel war er zur Stelle, als sein Bruder, der Ostberliner Autor mit Publikationsverbot Hans Joachim Schädlich, mit Frau und Töchtern 1977 in den Westen ausreisen durfte, nachdem er die Protestresolution gegen die Ausbürgerung Wolf Biermanns mit unterzeichnet hatte. Telefonisch und bei Treffen hielt sich der Onkel auch später auf dem Laufenden. Über den Bruder hatte er zuvor weitere oppositionelle DDR-Intellektuelle kennengelernt sowie etwa mit Günter Grass ganz privat diskutiert. Mit diesem Onkel sprach die Nichte ab 1992 kein Wort mehr denn da erfuhr sie, dass Karlheinz Schädlich als «IM Schäfer» über das Gehörte und Gesehene minuziös der Stasi berichtet hatte. Im Dezember 2007 beendete der Onkel sein Leben mit einem Schuss in den Mund.

In ihrem Buch «Immer wieder Dezember Der Westen, die Stasi, der Onkel und ich» erzählt die heute 43-jährige Susanne Schädlich von Verrat und Zersetzung in der eigenen Familie. In den Akten der früheren Gauck-Behörde fand sie aufgelistet, wie der 1931 geborene Historiker und Lehrer Karlheinz Schädlich dem Ministerium für Staatssicherheit seit 1975 zugerarbeitet hatte: Seiner Nichte wurde somit im Nachhinein klar, warum am Elternhaus in Köpenick nachts immer wieder fremde Männer in Trenchcoats geklingelt hatten. Warum selbst die neue Wohnung in Hamburg-Blankenese von Unbekannten durcheinandergebracht worden war. Warum der Onkel sie später auf ihrer Lehrstellensuche in ein ominöses Gebäude nach Pankow geschickt hatte. Und schließlich warum zwischen 1974 und 1977 bei den sogenannten «Werkstattgesprächen» ihres Vaters mit ost- und westdeutschen Literaten wie Sarah Kirsch und Reiner Kunze, Nicolas Born und Günter Grass in der Nähe ein Bauwagen auf der Straße gestanden hatte, auch wenn dort gar nicht gebaut wurde.

Klarheit, in einem weit umfassenderen Sinn, für sich selbst und für andere ist wohl auch das Ziel ihres Erinnerungsbandes. Obwohl sie ihr abgrundtiefes Entsetzen über die Untat spürbar macht, schreibt Schädlich, dass sie nichts richtigstellen und nicht abrechnen wolle. Es ginge ihr vielmehr «um Himmelsrichtungen zum Beispiel. Um das Wort WO. Wie auf einem Kompass. Wo gehöre ich hin, wo komme ich her?» Es geht im Buch letztlich um bewusst gelebtes Leben in einem Land, das zweigeteilt war: Selbstvergewisserung und Standortbestimmung wurden für die Autorin existenziell notwendig nicht nur wegen der seelischen Erschütterungen durch das Wissen, im ureigenen Umfeld einem Wolf im Schafspelz vertraut zu haben. In ihrem in kunstvoller Schlichtheit verfassten, mit Dokumenten und Briefzitaten versehenen Werk vermittelt Schädlich ebenso eindringlich die grundlegenden Gefühle des Fremdseins, der Nicht-Zugehörigkeit, die sie zeitlebens begleitet hatten: Zunächst Außenseiter in der DDR-Diktatur, war es ihr und ihrer Familie danach lange schwer gefallen, in der westdeutschen Wirklichkeit «anzukommen».

Für Susanne Schädlich führte der Weg zur Heimat auch in sich selbst über die weite Ferne: Elf Jahre verbrachte sie in den USA ­thematisiert schon in ihrem literarischen Debüt «Nirgendwoher irgendwohin» (2007). Dann ließ sie sich mit Mann und Kindern in der Stadt nieder, in der sie aufgewachsen war: in Berlin. Späten Wiederannäherungsversuchen des Onkels kurz vor seinem Tod mochte sie dort nicht mehr entsprechen.

Susanne Schädlich: Immer wieder Dezember, Der Westen, die Stasi, der Onkel und ich; Droemer-Verlag, Hamburg; 240 S., Euro 16,95; ISDN 978-3-426-27463-7
http://www.mz-web.de/servlet/ContentServer?pagename=ksta/page&atype=ksArtikel&aid=1235366366437&openMenu=987490165154&calledPageId=987490165154&listid=994342720546
 

 

20 Jahre Freiheit - Die Opfer brauchen Mitgefühl und Hilfe 

25.01.2009
Presse-Kampagne der Aktion Gemeinsinn e.V für Stasiopfer 
 


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