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Lieberknecht: Wir dürfen die Opfer der SED-Diktatur nie vergessen//17.06.10
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Ein besonders eindrucksvolles Beispiel
für das Erfinden politischer Traditionen liefert der Mitte
März vorgestellte „Entwurf für ein Programm
der Partei Die Linke“. Das Ergebnis ist in weiten Teilen
abenteuerlich, es grenzt an Geschichtsklitterung.
Spätestens seit Benedict Anderson wissen wir, dass es sich bei
Gemeinschaften, die größer als die
dörflichen mit ihren Face-to-face-Kontakten sind, um
vorgestellte Gemeinschaften handelt. Anderson bezog sich auf die
Nation, doch lassen sich seine Annahmen auch auf andere
gesellschaftliche Gruppierungen übertragen, etwa auf Parteien.
Auch Parteien versuchen, Kontinuität mit einer passenden
historischen Vergangenheit zu stiften, wobei die Verknüpfung
von „erfundener“ und
„historischer“ Vergangenheit fast immer eine
künstliche ist. Zum einen gilt es, die eigene Position in
politischen Fragen historisch zu unterfüttern; zum anderen
wird durch die so vollzogene Abgrenzung das Profil der eigenen Gruppe
geschärft.
Ein besonders eindrucksvolles Beispiel für das Erfinden
politischer Traditionen liefert der Mitte März vorgestellte
„Entwurf für ein Programm der Partei Die
Linke“. Das Ergebnis ist in weiten Teilen abenteuerlich, es
grenzt an Geschichtsklitterung.
Das Jahr 1914 symbolisiert den Übergang vom
„langen“ 19. ins „kurze“ 20.
Jahrhundert. Was läge näher, als die historischen
Wurzeln der Linken in diesem Schicksalsjahr zu verorten?
Natürlich auf der Seite der Guten, der Pazifisten:
„1914 spaltete der Krieg die Sozialdemokratie“,
heißt es dazu im Programm der Linken. Was gut klingt, ist
historisch jedoch schlichtweg falsch: Der Split der SPD in USPD und
MSPD erfolgte erst drei Jahre später, im Jahr 1917, als die
Kriegsniederlage bereits abzusehen war. Im August 1914 hatte die
deutsche Sozialdemokratie noch geschlossen für die
Kriegskredite gestimmt – wie alle anderen im Reichstag
vertretenen Parteien auch.
Die 20er und frühen 30er Jahre: Im Programm der Linken
erfährt man dazu, dass der Widerstand von Kommunisten,
Sozialdemokraten und Gewerkschaftern gegen die aufziehende
nationalsozialistische Barbarei letztlich erfolglos war. Das ist
zweifellos richtig.
Darstellung der DDR-Lebenswelt ist nicht nur historisch bedenklich
Nicht erwähnt wird jedoch, dass die blutige Feindschaft
zwischen Kommunisten und Sozialdemokraten maßgeblich zur
Schwächung des antinazistischen Lagers in dieser Zeit
beigetragen hat. Doch das ist von sekundärer Bedeutung;
entscheidend ist auch hier, ein vorab intendiertes Geschichtsbild durch
punktuelle Verkürzungen in die gewünschte Richtung zu
rücken.
Während die Bundesrepublik 1949 in
„autoritären und obrigkeitsstaatlichen
Strukturen“ verhaftet blieb, setzten sich die Ostdeutschen
umgehend „für den Aufbau einer besseren
Gesellschaftsordnung und für ein friedliebendes,
antifaschistisches Deutschland ein“. So zumindest sehen es
die Autoren des Linken-Grundsatzprogramms. Dass der
Zwangszusammenschluss von SPD und KPD zur SED nicht gänzlich
freiwillig verlief, wird zwar eingeräumt, zugleich jedoch mit
dem Hinweis auf den „gemeinsamen Widerstand gegen den
Faschismus“ nachträglich legitimiert; zumal die KPD
im Westen ebenfalls zahlreichen Repressionen ausgesetzt gewesen sei.
Erst die „gesellschaftskritische
außerparlamentarische Opposition“ der 60er Jahre
habe der BRD zu „mehr Demokratie“ und weniger
„autoritären Tendenzen“ verholfen. Ganz
anders die Erfahrungswelt der Menschen in der DDR: Sie erlebten nicht
nur „die Beseitigung von Arbeitslosigkeit und die
wirtschaftliche Eigenständigkeit der Frauen“,
sondern auch „die weitgehende Überwindung von Armut,
ein umfassendes soziales Sicherungssystem, ein hohes Maß an
sozialer Chancengleichheit im Bildungs- und Gesundheitswesen sowie in
der Kultur“. Angesichts der unzähligen Opfer der
SED-Gewaltherrschaft ist die Darstellung der DDR-Lebenswelt als eine
bildungs- und chancengerechte nicht nur historisch bedenklich; sie
grenzt an Zynismus.
Die Konstruktion von Vergangenheit – und keine Partei kommt
gänzlich ohne sie aus – ist stets ein Drahtseilakt,
bei dem es gilt, die Balance zwischen dem politisch
Gewünschten und dem – im Sinne der Auslegung der
Geschichte – historisch Machbaren zu wahren. Die Linke hat
diese Balance in ihrem ersten Grundsatzprogramm weitgehend verloren.
http://www.tagesspiegel.de
Zuletzt geändert am: 24.04.2010 um 20:26
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