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Bernd Pieper war politischer Häftling in der DDR

Veröffentlicht von Harry Hinz (hhinz) am 01.07.2009
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Bernd Pieper war politischer Häftling in der DDR

Von Christian Althoff

Gütersloh (WB). Er wurde zu dreieinhalb Jahren Haft verurteilt, weil er Sendungen der US-Radiostation RIAS mitgeschrieben hatte. »Dass so etwas in Deutschland möglich war, wissen viele junge Menschen nicht«, sagt Bernd Pieper (56) aus Gütersloh. Deshalb bietet er sich Schulen als Zeitzeuge an. »Bisher leider ohne Resonanz«.

Bernd Pieper stammt aus Bielefeld, doch 1958 war seine Mutter nach ihrer Scheidung mit ihm in ihren Geburtsort Drebkau bei Cottbus gezogen. In die DDR, drei Jahre vor dem Mauerbau. Schon als Grundschüler spürte Pieper, dass er in einem Überwachungsstaat lebte: »Unser Lehrer fragte: Mit welchen Worten beginnen die Nachrichten? Ich antwortete: Hier ist RIAS Berlin, eine freie Stimme der freien Welt!« Das habe dazu geführt, dass am nächsten Tag jemand vom Schulamt erschienen sei, der alles mitgeschrieben habe, was er gesagt habe, erinnert sich der 56-Jährige.

Bernd Pieper arrangierte sich mit dem System und ging zu den Pionieren. »Das Umdenken hat bei mir eingesetzt, als die Russen den Volksaufstand in der Tschechoslowakei gewaltsam beendet haben. Da war ich 15«, erzählt der Gütersloher. Er machte aus seiner Meinung keinen Hehl, und vieles, was er im Freundeskreis sagte, fand seinen Weg in die Akten des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS). Das erfuhr Pieper allerdings erst 1993, als er seine Akte bei der Gauck-Behörde einsah. »Die Stasi hatte zweieinhalb Ordner über mich zusammengetragen.« Unter anderem findet sich dort der Eintrag: »P. stellt die Behauptung auf, in der DDR gäbe es keine Freiheit und die durchgeführten Wahlen seien nur Scheinwahlen.«

Als Pieper, der an der Uni Potsdam Russisch und Englisch studierte, 1975 eine Russin heiraten wollte, die er 1973 in Moskau kennengelernt hatte, schlugen bei der Stasi die Alarmglocken an: »Tatjanas Vater war ein hoher Militär, der außerhalb Europas eingesetzt wurde.

Man fürchtete möglicherweise, dass ich als DDR-Kritiker vertrauliche Informationen erlangen könnte.« Deshalb verhinderte die Stasi die Hochzeit:

Pieper wurde am 17. Januar 1975 festgenommen, als er auf dem Weg zur Uni war. Stasi-Agenten durchsuchten sein Zimmer im Studentenwohnheim an der Berliner Straße 79 nahe der Glienicker Brücke. Sie fanden einen Schnellhefter mit acht Blättern, auf denen der Student Sendungen des West-Berliner Senders RIAS mitgeschrieben hatte: »Ein Interview mit dem damals in der DDR ungeliebten russischen Schriftsteller Alexander Solschenizyn und Beiträge, in denen es um die Aufrüstung in West und Ost ging.« In seiner Stasi-Akte fand Pieper 18 Jahre später den Eintrag: »Diese Mitschriften sind objektiv geeignet, die gesellschaftlichen Verhältnisse in der UdSSR zu diskriminieren.« Die meisten Informationen in der Akte stammten von einem »IM Peter« - »meinem damals drittbesten Freund, der heute in Brandenburg in einer Kreisverwaltung arbeitet.«

Der Student wurde zu dreieinhalb Jahren Gefängnis verurteilt - wegen »staatsfeindlicher Hetze«. Er kam in die Haftanstalt Cottbus, wo etliche politische Häftlinge saßen. »Andere sind dort misshandelt worden, mich hat man nur verhört. Ich sollte von meinen Freunden und Bekannten erzählen.« Irgendwann sei ein Mann zu ihm in die Zelle verlegt worden, der wegen Fluchthilfe saß. »Er riet mir, dass ich mit aller Vehemenz meine Ausreise fordern solle, was mich schließlich auch gerettet hat. Als die Stasi erkannte, dass man mich nicht zum Kommunisten umerziehen konnte, durfte die Bundesrepublik mich 1976 freikaufen.«

Heute lebt Bernd Pieper in Gütersloh und ist Beamter in der Arbeitsverwaltung. Er engagiert sich in der »Vereinigung der Opfer des Stalinismus'« (VOS) und ist VOS-Vorsitzender in Westfalen-Lippe. »Wir helfen Menschen, die in der DDR politisch verfolgt worden sind, bei der Beantragung ihrer Opferrenten.« Seit zwei Jahren gibt es ein Gesetz, das Häftlingen eine zusätzliche Rente von 250 Euro im Monat gewährt, wenn sie das Rentenalter erreichen und mindestens sechs Monate im Gefängnis saßen.

»Schüler erfahren heute im Unterricht kaum etwas über die DDR, obwohl noch Zeitzeugen leben, die etwas erzählen könnten«, sagt Pieper, der von »gewaltigen Wissenslücken« spricht: »Fragen Sie mal einen Schüler, wer Honecker war, und was die DDR gewesen ist!«

Die VOS hat deshalb Gymnasien in Ostwestfalen-Lippe angeschrieben und angeboten, in Zusammenarbeit mit der »Bundesstiftung Aufarbeitung« und der Landeszentrale für politische Bildung Zeitzeugen für den Geschichts- oder Politikunterricht zu vermitteln. »Leider hat sich nicht ein einziger Lehrer gemeldet«, sagt Bernd Pieper. Er hält es für sehr wichtig, dass Schüler erfahren, dass die Freiheit, in der sie heute leben, nicht selbstverständlich ist. »Wir hatten sie als Jugendliche nicht.«

bernd.pieper@t-online.de

http://www.westfalen-blatt.de/index.php?id=28423&artikel=reg

 

Zuletzt geändert am: 01.07.2009 um 16:52

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