DDR-Staatsicherheit - Verdächtige Urlaubsgrüße
VON ALEXANDER SCHIERHOLZ, 20.04.10
HALLE/MZ. Da ist zum Beispiel der Fanbrief an Howard Carpendale: "Ich schreibe Ihnen heute, um meine Bewunderung über Sie loszuwerden." Diese Zeilen einer unbekannten Verehrerin aus dem Bezirk Halle kassierte die Staatssicherheit der DDR ebenso ein wie den Brief einer Frau aus Oranienbaum an eine Schülerin aus dem westfälischen Detmold. Die 38-Jährige hatte beim Pilze suchen auf einer Wiese eine Karte des Mädchens entdeckt, die an einem Luftballon über die innerdeutsche Grenze gesegelt war.
"Ich schicke die Karte an Dich, sonst könnten wir vielleicht bei uns Ärger bekommen", schrieb die Oranienbaumerin. Eigentlich sollte die Karte an eine Bankfiliale in Detmold zurückgesandt werden.
Dass die Stasi sich auch für Banalitäten interessierte, ist bekannt. Aber es wird selten so deutlich wie an diesen Beispielen aus der flächendeckenden Postkontrolle des DDR-Geheimdienstes. In ihrem Überwachungswahn machten die Spitzel auch vor dem Briefgeheimnis nicht halt. Die für das Abfangen von Briefen zuständige Abteilung M hatte allein in der Stasi-Bezirksverwaltung Halle 154 Mitarbeiter. "Damit war sie eine der größten Abteilungen überhaupt", sagt Angela Friedenberger, Archivleiterin in der Außenstelle Halle der Stasi-Unterlagenbehörde. Die Mitarbeiter der Abteilung untersuchten einkassierte Briefe nach Hinweisen auf verbotene Westkontakte oder das, was die DDR-Behörden staatsfeindliche Hetze nannten. Auf Geldsendungen von der Großmutter aus Bayern oder auf West-Zeitschriften, die nicht eingeführt werden durften.
Was von ihrer Arbeit in Halle noch übrig ist - neben einigen abgefangenen Briefen -, sind mehr als 288 000 Karteikarten, blassgrün, Format A 5. 361 laufende Meter. Sie lagern in großen grauen Schränken im Keller der Stasi-Unterlagenbehörde in der Halle-Neustädter Blücherstraße. Vermerkt sind die Daten von Einwohnern des Bezirks Halle - mitunter ganzer Familien - die in den 80er Jahren Briefe gen Westen schickten. Und die der Stasi aus ganz unterschiedlichen Gründen verdächtig waren - als Ausreiseantragsteller etwa oder weil sie Kontakt zu DDR-Flüchtlingen hielten. Angela Friedenberger und ihre Mitarbeiter haben es hochgerechnet: "Jeder vierte Bürger des Bezirkes über 18 dürfte hier erfasst sein."
Erstmals zugänglich
Erstmals öffentlich betreten werden kann der Keller am kommenden Sonnabend, 24. April, zur gemeinsamen Museumsnacht von Halle und Leipzig. Besucher werden sich dann nicht nur ein Bild vom Überwachungs-, sondern auch vom Ordnungswahn der Stasi machen können. Akribisch sind auf den mit Einschubtaschen versehenen Karteikarten Absender und Empfänger vermerkt. Die Taschen enthalten Kopien des jeweiligen DDR-Personalausweises und des Antrages darauf, mitunter auch weitere Personendaten - damit die Stasi genau wusste, mit wem sie es zu tun hat.
Die Unterlagen besorgte sich die Abteilung M bei eigens dafür eingesetzten Spitzeln in den Meldeämtern. Auch Mikrofilme der abgefangenen Briefe sind aufbewahrt. Die Originale dagegen, sofern die Stasi sie seinerzeit behielt, finden sich indes zumeist in den Akten der Betroffenen. In der Regel, berichtet Friedenberger, seien Briefe nach der Kontrolle aber weitergeleitet worden: "Man wollte schließlich keinen Verdacht erregen." Deshalb ordnete Stasi-Chef Erich Mielke noch 1983 an, die "Bearbeitungszeiten" in der Abteilung M dürften zwölf Stunden nicht überschreiten - einzuhalten zur Not durch Schichtdienst und Zusatz-Personal. Einbehalten worden sei Post nur, so Friedenberger, wenn die Kontrolleure deren Inhalt etwa als staatsfeindlich werteten - so konnten die Briefe als Beweis gegen den Absender verwendet werden.
Die Postkontrolle begann bereits bei der Post selbst: Als Postbedienstete getarnte Stasi-Mitarbeitern sortierten unter anderem im halleschen Hauptpostamt Sendungen vor. Hängen blieben etwa Briefe von Oppositionellen und darüber hinaus "alles, was auffällig war", wie Friedenberger sagt. Seien es schräg aufgeklebte Marken oder Herzchen-Aufkleber auf Umschlägen von Schülerinnen, die Brieffreundschaften mit Gleichaltrigen in der Bundesrepublik pflegten.
Angela Friedenberger berichtet auch von einer Frau aus Halle, die während ihrer Ferien in Potsdam Urlaubspost mit ihrer Heimatanschrift als Absender einwarf - das genügte schon, um sie in den Augen der Stasi verdächtig erscheinen zu lassen.
In der Stasi-Bezirksverwaltung in Halle-Neustadt wurden die vorsortierten Briefe über Wasserdampf geöffnet. Dafür und für das Wiederverschließen entwickelte die Stasi eigens Geräte. Einige davon sind auch in der Museumsnacht in der Stasi-Unterlagenbehörde zu sehen - als Leihgaben aus Leipzig, weil entsprechende Technik in Halle nicht mehr existiert. "Das ging professionell vor sich", sagt Karteileiterin Yvonne Hummel, "in der Regel haben die Empfänger nichts davon gemerkt."
Gefälschte Poststempel
Für den Fall, dass doch etwas schief ging, etwa ein Umschlag beschädigt wurde, hatte die Abteilung M vorgesorgt. "Dann wurde ein neuer angefertigt", schildert Friedenberger. Eigens dafür stand ein Repertoire an Briefmarken und gefälschten Poststempeln - auch westdeutscher Städte - bereit.
Für den Brief der unbekannten Verehrerin an Howard Carpendale war solcher Aufwand freilich gar nicht nötig: Fanpost sei ohnehin tabu gewesen, sagt Angela Friedenberger, sie wurde generell einbehalten. Und rutschte doch mal ein Autogrammwunsch durch die Kontrolle, so blieb die Antwort in der Abteilung M hängen: Eine kleine Ausstellung im Archiv der Stasi-Unterlagenbehörde zeigt unter anderem Autogrammkarten von Udo Jürgens und Nicole, die ihre Empfänger in der DDR nie erreichten.