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Lieberknecht: Wir dürfen die Opfer der SED-Diktatur nie vergessen//17.06.10
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Elch im Stasi-Sumpf
Ein Traumstart sieht anders aus.
Die rot-rote Koalition in Brandenburg ist noch keine hundert Tage im Amt und schlingert schon in schwerer See. Nahezu täglich berichten die Medien alte und neue, angebliche und tatsächliche Stasi-Verstrickungen in den Reihen des linken Koalitionspartners in der Regierung von Matthias Platzeck.
Ausgelöst wurde die erneute Debatte durch die Aufdeckung der IM-Tätigkeit der Landtagsabgeordneten der Linken Gerd-Rüdiger Hoffmann und Renate Adolph, die diese Tätigkeit in ihren Lebensläufen bislang verheimlicht hatten. Auf ihrem „Kleinen Parteitag“ am Wochenende zeigte sich die Linke bußfertig und will „Verantwortung für den Vertrauensverlust“ übernehmen, der durch die Stasi-Enthüllungen eingetreten ist.
Einstimmig verabschiedeten sie eine Erklärung, nach der Parteimitglieder vor Kandidaturen ihre politische Biografie in der DDR offenzulegen haben und bekräftigten ihren „unwiderruflichen Bruch mit dem Stalinismus“. Gerd-Rüdiger Hoffmann wurde aus der Fraktion ausgeschlossen und – bislang vergeblich – zum Mandatsverzicht aufgefordert. Renate Adolph hat ihr Mandat niedergelegt.
Medienrummel
Woher also diese ungeheure bundesweite Aufregung? Matthias Platzeck formuliert dazu in der „Berliner Zeitung“ etwas bitter: „Komplett neu aufgedeckt wurden zwei Fälle. Mir hat neulich jemand gesagt: Gefühlt waren es 20.“ Zwei Fälle, in denen sich auch die Wähler getäuscht fühlen müssen, das sind zwei zuviel, aber doch etwas mickrig für den gewaltigen Medienrummel, für die Kübel voll Häme, die sich über das rot-rote Bündnis in Brandenburg ergießen. So hat Platzeck wohl Recht, wenn er im Interview mit der „Berliner Zeitung“ vermutet, „Rot-Rot hat auch alte, konservative Feindbilder bedient. Wäre es bei der rot-schwarzen Konstellation in Brandenburg geblieben, hätten wir vielleicht nicht einmal über eine erneute Stasi-Überprüfung des Landtages geredet.“
Hüter der Moral
Noch schwerer erträglich ist es, wenn sich die Häme der Medien mit dem hohen Ton moralischer Entrüstung paart. An vorderster Front der politischen Saubermänner, denen die ganze rot-rote Linie nicht passt, finden sich – wenig überraschend – die Leute vom „Focus“. „Neue Stasi-Enthüllungen in Brandenburg“, „Rot-Rot verordnet sich Stasi-Check“, „Zwei Linke nach Stasi-Vorwürfen zurückgetreten“, „Neuer Stasi-Fall in der Linksfraktion“, „Stasi-Enthüllungen. Brandenburgs SPD vor Zerreißprobe“, „Platzeck im Stasi-Sumpf“ – die Focus-Redaktion gibt ihrem Stasi-Affen ordentlich Zucker. Und fällt ihr Urteil über Matthias Platzeck: „Er, der sich lange Jahre fälschlicherweise von den Medien als ‚DDR-Bürgerrechtler“ titulieren ließ und viel Wert auf seine Glaubwürdigkeit legt, weiß, dass er bei den DDR-Opfern moralisch auf Dauer diskreditiert ist. Der ‚Brandenburger Weg’, den er am Freitag noch immer verteidigte, hat ihn ganz persönlich tief in den Stasi-Sumpf geführt.“ Befindet der „Focus“ hoch droben auf dem investigativen Olymp. Wer echter „DDR-Bürgerrechtler“ war und wer sich nur „fälschlicherweise“ so „titulieren“ ließ, darüber entscheidet dann wohl Helmut Markwort, der Chefredakteur des Münchener Magazins.
Steile Stasi-Karriere
Wer Stasi war, wohl auch. Das NDR-Medienmagzin „Zapp“ beleuchtete in seiner letzten Sendung den Hintergrund eines Stasi-Jägers beim „Focus“, Thomas Tumovec. Er „schreibt über üble Stasi-Akten von Politikern wie ‚Die Schamgrenze abgesenkt’ (Focus vom 19.10.09) Dabei war Tumovec eine ganz große Nummer in derselben Organisation.“ Im Internet finden sich noch erstaunliche Details über die steile Karriere des 1957 in Karl-Marx-Stadt Geborenen. Laut Kaderakte des Ministeriums für Staatssicherheit galt er „schon während seiner Schulzeit in der 9. und 10. Klasse als guter FDJ-Funktionär mit einem klaren Klassenstandpunkt.“
1975 trat er in den Dienst der Stasi und wurde Mitglied der SED. Mit Hilfe seines Arbeitgebers studierte er an der Ostberliner Humboldt-Universität. Der ehemalige Focus-Redakteur Wilhelm Dietel zitiert auf seiner Internetseite aus der Akte, wie Thomas Tumovec 1983 seinen Bruder Mathias bei der Stasi denunzierte: „Der Angehörige (des MfS) äußerte Vermutung, dass sein Bruder …(persönliche Daten und Adresse in Erfurt, Facharztausbildung) … die Absicht hat, die DDR ungesetzlich zu verlassen. ….Sein Bruder besitzt eine neg. pol. Einstellung gegenüber unserer Republik und unserer Partei und steht dem soz. Aufbau ablehnend gegenüber. Er will sich dem bevorstehenden Ehrendienst bei der NVA entziehen.“
Stasi-Major als Enthüllungsjournalist
Thomas Tumovec leitete bis zum Sommer 1989, zuletzt im Dienstrang eines Majors, die Auswertungsabteilung I in der Stasi-Hauptabteilung III. Die Auswertungsabteilung war für den Zentralspeicher der Hauptabteilung III und die „Koordinierung von Informationsflüssen“ zuständig. Er saß an einer Schlüsselstelle der Lauschbehörde. „Zapp“ bat den „Focus“ um eine Stellungnahme zu diesem seltsamen Stasi-Jäger in seiner Redaktion. Doch dort winkte man gelangweilt ab. „Zapp“ sei reichlich spät dran, dass Tumovec beim „Focus“ arbeite, sei doch seit langem bekannt.
Der Begründer der Neuen Frankfurter Schule F.W. Bernstein hat Phänomene wie den Stasi-Enthüller Tumovec schon vor Jahren auf die legendäre Formel gebracht: „Die schärfsten Kritiker der Elche waren früher selber welche.“
Zuletzt geändert am: 15.12.2009 um 16:57
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