Aktuelles
Hier erfahren Sie aktuelle Nachrichten rund um das Thema Selbsthilfegruppen für Stasiopfer.
Auf dieser Seite finden Sie in Zukunft alles was es Aktuell gibt mit Interesse für SED- und Stasiopfer.
Siehe Terminhinweise für Veranstaltungen gleich welcher Art, einiges was es aus den Medien gibt mit
Interesse für SED-und Stasiopfer, auch Presseartikel.
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DDR als Billiglohnland für den Westen
Bis zum Mauerfall 1989 nutzten viele West-Firmen das niedrige Lohnniveau in der DDR und erzielten dadurch große Gewinne. Aus Profitinteresse wurden auch Zwangsarbeiter eingesetzt.
Die Vorwürfe gegen den Möbelhersteller Ikea, DDR-Zwangsarbeiter hätten jahrelang für den schwedischen Konzern geschuftet, brachten den Stein ins Rollen. Anfang Mai (02.05.2012) hatte der schwedische Fernsehsender SVT einen Bericht ausgestrahlt, in dem auch ehemalige DDR-Häftlinge zu Wort kamen. Demnach sollen bis zum Mauerfall 1989 in ostdeutschen Gefängnissen Ikea-Möbel hergestellt worden sein, auch von politischen Gefangenen. Zwangsarbeit in Ostdeutschland für einen westlichen Konzern. Kein Einzelfall, sondern gängige Praxis, von der auch viele deutsche Firmen profitierten. Denn in der DDR waren alle Gefangenen zur Arbeit verpflichtet.
Debatte um Entschädigung für DDR-Häftlingsarbeit
Der Stasi-Bundesbeauftragte Roland Jahn hat von deutschen Firmen Aufklärung darüber verlangt, ob sie vor 1989 von DDR-Häftlingsarbeit profitiert haben.
„Ich würde es begrüßen, wenn westliche und vor allem bundesdeutsche Unternehmen, die in der DDR produzieren ließen, für Transparenz sorgen würden“, sagte Jahn dem Magazin „Focus“. Seine Behörde stehe für Recherchen zur Verfügung.
Beratungstage für SED-Opfer
Sehr geehrte Damen und Herren,
auch in diesem Jahr werden wir wieder Beratungstage für Verfolgte des SBZ/DDR-Regimes durchführen, und zwar
am 30. Mai 2012 in Goslar im Kreishaus und
am 26. September 2012 in Osnabrück im Rathaus.
Aus hiesiger Sicht ist es sehr wichtig, dass auch Vertreter der in Niedersachsen organisierten Opferverbände, bzw.des Nds. Netzwerks für SED-und Stasi-Opfer als selbst Betroffene an den Beratungen teilnehmen, um die Veranstaltungen mit ihrer Fachkompetenz zu unterstützen. Ich würde mich deshalb freuen, wenn es uns gelänge, zu jedem Termin jeweils einen Ansprechpartner aus Ihrem Kreis dabei zu haben.
Für eine kurze Rückmeldung ob und wann Ihnen eine Teilnahme möglich wäre, bedanke ich mich im voraus. Auch für organisatorische Fragen stehe ich selbstverständlich gern zur Verfügung. Die endgültige Planung, wer an welchem Termin teilnimmt, werde ich Ihnen dann zeitnah übersenden.
Mit freundlichen Grüßen
Karin Nitsch
Niedersächsisches Ministerium für Inneres und Sport
Referat A 12
fon: 0511/120 - 46 64
fax: 0511/120 - 99-46 64
e-mail: karin.nitsch@mi.niedersachsen.de
Die mitteldeutsche Bischöfin Ilse Junkermann plädiert für eine neue Aufarbeitung des DDR-Unrechts: Erst dann sei Versöhnung möglich
DIE ZEIT: Frau Junkermann, war die DDR ein Unrechtsstaat?
Ilse Junkermann: Ja, ohne Zweifel. Sie kannte keine Gewaltenteilung. Sie hat im Rahmen ihres Rechts Recht gesprochen, das nicht auf demokratischem Weg zustande gekommen ist. Die bürgerlichen Rechte waren massiv eingeschränkt.
"Ohne die Häftlingsarbeit hätte der Plan nicht erfüllt werden können"
Ikea-Möbel aus dem Osten: Forscher bestätigt den umfangreichen Einsatz von Zwangsarbeitern in der DDR
Steffen Alisch im Gespräch mit Frank Meyer
Viele West-Firmen wie Ikea ließen im Billiglohnland DDR produzieren - und "wenn sie sich interessiert hätten, dann hätten sie auch feststellen können, dass oft Häftlinge diese Arbeiten getan haben", sagt der Politologe Steffen Alisch. Er fordert einen offeneren Umgang mit der Zwangsarbeit in der DDR.
Ex-Stasi-Leute - «Die Gesetzesänderung war dumm»
Der Streit um die Tätigkeit der ehemaligen Stasi-Mitarbeiter in der Stasi-Unterlagen-Behörde ist so alt wie die Amtszeit des aktuellen Behörden-Leiters Roland Jahn. Der schafft es allerdings nicht, sich von ihnen zu trennen. Gut vier Monate nach Inkrafttreten des neuen Stasi-Unterlagen-Gesetzes sind immer noch 44 Ex-Stasi-Leute in der Behörde beschäftigt. Das Gesetz besagt, dass dort niemand arbeiten darf, der zuvor in Diensten des Ministeriums für Staatssicherheit stand. Aus Angst vor Klagen verzichtet die Behörden-Leitung auf Zwang.
Ex-Stasi-Mitarbeiter zieht Antrag gegen Stellenbesetzung in Jahn-Behörde zurück
Ein Antrag auf einstweilige Verfügung vor dem Landesarbeitsgericht Berlin-Brandenburg gegen eine Stellenbesetzung in der Stasi-Unterlagenbehörde ist heute kurz vor der Verhandlung zurückgenommen worden. Der Kläger, ein früherer Mitarbeiter der DDR-Staatssicherheit, wollte mit der einstweilligen Verfügung die Neubesetzung der Stelle des Leiters des Haussicherungsdienstes in der Stasi-Unterlagenbehörde mit einem externen Bewerber verhindern.
Kicken, wenn die Stasi wegkuckt
Weil sie die falsche Musik hörten und die falschen Sachen trugen, wurden Punks von der DDR-Staatsmacht überwacht. Doch manchmal versagte der sonst so zuverlässige Überwachungsapparat, wie bei einem legendären Fußballspiel 1983 in Weimar.
Das kleine, aber tüchtige Völkchen der Thüringer war ein ausgesprochenes Volk des Sports. So ist nicht verwunderlich, dass sich der Fußball auch in der grundlangweiligen Arbeiter- und Bauerndiktatur Geltung verschaffte. Der Fußballsport mit der ganzen Fülle seiner unaufhaltsamen Energie. Ich habe mal irgendwo gelesen, es gibt Leute, die nichts mit Ernst bestreiten, ausgenommen das Spiel.
Befehle von Stasi-Mielke kommen ins Internet
Die Stasi-Unterlagenbehörde will ihren Digitalisierungskurs forcieren. Ab 2014 wolle man zum Beispiel alle zentralen Befehle und Weisungen der Stasi-Minister zwischen 1950 und 1989 ins Internet einspeisen, kündigte Birgit Salamon heute bei einem Besuch in der Außenstelle Dresden an – sie ist Abteilungsleiterin für Archivwesen beim Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen (BStU) in Berlin.
Auch andere Stasi-Akten werde man nach und nach einscannen und dann von Fall zu Fall entscheiden, ob sie auch im Internet zugänglich gemacht werden können. Ein Hintergrund dafür ist das wieder steigende Interesse an den Stasiakten. Und: „Immer mehr Antragssteller wollen ihre Stasi-Unterlagen in elektronischer Form zugeschickt bekommen“, erklärte Konrad Felber, BStU-Außenstellenleiter in Dresden.
Hessens Ministerpräsident Volker Bouffier - „Grass verhöhnt Opfer der SED-Diktatur“
Hessens Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU) hat Literaturnobelpreisträgers Günter Grass wegen dessen fortgesetzter Israel-Kritik in einem offenen Brief scharf angegriffen.
Der CDU-Politiker reagierte damit auf den Vergleich des Schriftstellers von Israel mit der DDR-Diktatur.
Heideblick will Expertenrat zur Auswertung von Stasi-Auskünften
Gemeindevertreter laden Fachleute zur Sitzung ein
Heideblick Die Gemeindevertreter von Heideblick werden sich auf ihrer nächsten Sitzung am 16. April ausführlich mit dem Umgang von Unterlagen der Stasi-Untersuchungsbehörde befassen.
SED, PDS und die Linke - Der Aufstieg der Gesine Lötzsch
Eigentlich wollte sie sich noch einmal zur Wahl stellen. Jetzt ist Gesine Lötzsch überraschend als Linke-Chefin zurückgetreten. Nach ihrem harten Aufstieg ist ihr diese Entscheidung sicherlich nicht leicht gefallen.
IM-Vergangenheit: Linken-Abgeordnete Leukefeld nicht mehr "parlamentsunwürdig"
Der Thüringer Landtag hat die Vergangenheit der Linken-Abgeordneten Ina Leukefeld als Inoffizielle Mitarbeiterin der Stasi neu bewertet. Nach Informationen des MDR THÜRINGEN hat die Stasi-Kommission des Landtags die Einzelfallprüfung von Leukefeld ergebnislos eingestellt - das heißt, dass die Suhler Abgeordnete anders als bei der ersten Prüfung vor sechs Jahren diesmal nicht als "parlamentsunwürdig" eingestuft wird.
Stasi-Überprüfung: Leukefeld nicht mehr "unwürdig"
Die Landtagskommission zur Überprüfung der Thüringer Abgeordneten auf eine mögliche Stasi-Vergangenheit hat nach einem MDR-Bericht eine Jahre zurückliegende Entscheidung korrigiert.
Schul Kino Wochen NRW 2012

Schüler des Berufskollegs Schloß Neuhaus,
Herr G. Kröger Leiter des Kreismedienzentrums Paderborn
und Harry Hinz Zeitzeuge u. Vorsitzender Netzwerk Stasiopfer Selbsthilfe e.V.
Wenn nichts mehr geheim ist/27.01.12
Schüler fragen einen Zeitzeugen//27.01.12
Freitag, 4. November 2011
Auf dem Alexanderplatz steht ein Lkw-Anhänger mit einem provisorisch zusammen gezimmerten Holzpodium darauf. Als ein Mann mit schwarzem Vollbart und großer Hornbrille auf das Podium klettert und ans Mikrofon tritt, weiß er vielleicht schon, dass er Teil einer ganz großen Sache ist. Wer sich dort hinstellt und über den verknöcherten Sozialismus und die SED-Diktatur spricht, gibt Hunderttausenden Menschen eine Stimme. Die Stimme der Revolution.
Es ist der 4. November 1989. Der Tag, an dem die SED-Führung erkennen muss, dass ihre Macht gebrochen ist. In der Innenstadt Ost-Berlins haben sich eine halbe Million Menschen versammelt. Am frühen Morgen sind sie über die Karl-Liebknecht-Straße zum Palast der Republik gezogen und von dort zum Alexanderplatz, zum Abschluss dieser Demonstration, die in die Geschichtsbücher eingehen wird. Das Oppositionsbündnis "Neues Forum" und Berliner Kulturschaffende hatten zu einer Kundgebung für die Meinungs-, Presse- und Versammlungsfreiheit aufgerufen. Gut einen Monat zuvor, am 40. Geburtstag der DDR, hatte das SED-Regime Demonstranten noch durch die Stadt gehetzt und niedergeschlagen. An diesem Tag aber schreitet niemand ein, um Transparente mit Parolen wie "Keine Lügen mehr", "SED - Nein danke" oder "Stasi in den Tagebau" zu beschlagnahmen. Das Volk übernimmt die Macht und das DDR-Fernsehen überträgt live.
Auf dem Holzpodium sprechen die Bürgerrechtler Marianne Birthler und Jens Reich, der Schriftsteller Stefan Heym, der Regisseur Heiner Müller, die Schauspieler Ulrich Mühe und Jan Josef Liefers, 26 Redner insgesamt. Um 13.28 Uhr ist jener Mann mit Vollbart und Hornbrille dran: Joachim Tschirner, ein international bekannter Dokumentarfilmregisseur, damals 41 Jahre alt. Er wird fünf Minuten sprechen, sein Thema ist die Unfreiheit der Medien. Tschirner sagt: "Ich glaube nicht daran, dass eine wirkliche Wende möglich ist, solange die noch in den Chefetagen der Sendeanstalten und Redaktionen sitzen, die lediglich ihre Sessel um 180 Grad gedreht haben." Als Tschirner vom Mikrofon wegtritt, brandet Beifall auf.
Es ist die Rede seines Lebens. Das Foto von Tschirner am Mikrofon, im Anorak mit einem Zettel in der Hand, ist eines der Fotos dieses Tages, die sich ins kollektive Gedächtnis Deutschlands eingebrannt haben. Man findet es bei Wikipedia, in Geschichtsbüchern, im Bundesarchiv.
Eine Akte, rund 600 Seiten stark
Aus heutiger Sicht erscheint Tschirners Auftritt wie ein dreistes Schauspiel. Denn nach Recherchen der Berliner Morgenpost soll Tschirner 16 lange Jahre unter dem Decknamen "Hans Matusch" als Inoffizieller Mitarbeiter für die Staatssicherheit gespitzelt haben. Es gibt ein vom SED-Geheimdienst angelegte Akte, rund 660 Seiten stark, sie füllt drei dicke Bände. Diese Akte enthält Protokolle des Verrats an Kollegen, Bekannten und Freunden. Laut dieser Akte war Tschirner 25 und Student, als er sich am 8. Dezember 1973 zur Zusammenarbeit bereiterklärte, handschriftlich. Am 2. Oktober 1989, so besagen es Dokumente, soll er sich letztmals mit seinem Stasi-Führungsoffizier in der konspirativen Wohnung "Kaufmann" getroffen haben. Gut einen Monat vor seinem legendären Auftritt als Reformer auf dem Alexanderplatz also.
Tschirner, inzwischen 63, ist heute Geschäftsführer der Autorenvereinigung und Filmproduktion UM Welt Film mit Sitz am Hackeschen Markt in Berlin-Mitte. Tschirner, am Telefon auf seine Stasi-Verstrickung angesprochen, sagt: "Darüber müsste man in Ruhe reden." Und nein, er könne kein Versäumnis darin erkennen, dass er sich bislang nicht offenbart habe. "Ich bin nie darauf angesprochen worden." Er nehme diesen Teil seiner Biografie nicht auf die leichte Schulter. Allerdings habe er keine schriftlichen Berichte abgeliefert. Auf den Vorhalt, dass er laut seiner Akte mehrfach Menschen mit mündlichen Informationen in Bedrängnis gebracht habe, sagt er: "Das ist natürlich beschissen."
Tschirner schaltet einen Anwalt ein
Das Telefonat dauert gut eine halbe Stunde. Wenige Stunden später schreibt Tschirners Anwalt eine Mail, in der er rechtliche Schritte androht, falls über den Fall von IM "Hans Matusch" berichtet und sein Mandat namentlich genannt werde. Einen Katalog schriftlicher Fragen lässt der Anwalt unbeantwortet.
Man muss sich also an Tschirners Akte halten. Sie enthält tatsächlich keine handschriftlichen Berichte von ihm selbst, aber eine Vielzahl von detaillierten Protokollen: ständige Treffberichte mit Vorgesetzten etwa. Und, wenn es brisant ist: Welche Schritte die Stasi auf seine Informationen hin eingeleitet hat. Die Akte allein ist kein Beweis, allerdings nährt sie einen schwerwiegenden Verdacht.
Alles beginnt vor 38 Jahren.
Die Stasi interessiert sich für Tschirner, weil er in West-Berlin und im Ausland Studenten kennt, zu seinem Bekanntenkreis gehört der CDU-Nachwuchs, Mitglieder der "Jungen Union" in Kiel. Diese Kontakte will die Stasi nutzen.
Ost-Berlin, Sommer 1973. Tschirner soll bei den Weltfestspielen eine westdeutsche Delegation der Jungen Union "absichern", das war der Stasi-Jargon für Inschachhalten und Ausspionieren. Es soll - laut Akte - einer der ersten Einsätze Tschirners für die Stasi sein, ein paar Monate bevor er sich förmlich verpflichtet und IM "Matusch" wird. In den Unterlagen ist außerdem nachzulesen, dass Tschirner kurz vor seiner Verpflichtung die Umstände einer Republikflucht weitergegeben haben soll. Es geht um einen Kollegen beim DDR-Fernsehen. Der Fall erregt in der Stasi große Aufmerksamkeit. Sie ist mit dem Beginn der Zusammenarbeit offenbar mehr als zufrieden: "Besonders hervorzuheben ist seine Einsatzbereitschaft."
So steht es in der Akte.
Für die Folgeaufträge sind Tschirners Bekanntschaften im "kapitalistischen Teil Deutschlands" wichtig. Die Stasi sucht Mitarbeiter im Land des Klassenfeinds, der BRD. Und sie will möglichst jede Flucht aus dem eigenen Staat verhindern, sie nennt das "Bekämpfung des staatsfeindlichen Menschenhandels". Tschirners Aufgabe soll es sein, Informationen zu sammeln und Verbindungen herzustellen. Laut Akte behilft er sich mit erfundenen Geschichten und mit falscher Identität, das MfS stellt ihm demnach sogar einen fiktiven Personalausweis aus. Als es bei der Kontaktsuche nach West-Berlin hakt, bieten ihm Mielkes Offiziere laut Akte einfach eine neue Hauptaufgabe: das DEFA-Dokumentarfilmstudio.
Die DEFA ist ein volkseigenes Unternehmen der DDR. Tschirner war dort während des Studiums freier Mitarbeiter, später ist er Redakteur und Regisseur. Hier entstehen Filme, die das sozialistische Ideal transportieren sollen. Allerdings tummeln sich in der DEFA auch viele unangepasste Vertreter der Filmkunst, vor allem in der Abteilung Dokumentarfilm. Einige Macher haben sich über die Jahre hinweg kleine Freiräume geschaffen und können zunehmend kritischere Themen angehen.
Das Bild, das sich aus den Akten ergibt, wirft kein besonders vorteilhaftes Licht auf Tschirner. Demnach gewährt IM "Matusch" der Stasi ganz neue Einblicke in diese Nische des DDR-Fernsehens. In wechselnden konspirativen Wohnungen soll er sich regelmäßig mit Stasi-Leuten getroffen und über die Stimmung im Studio berichtet haben, über Projekte und Diskussionen unter Kollegen. Wie stehen die Mitarbeiter zur Abrüstung? Wie kommen von der SED lancierte Presseberichte an? IM "Matusch" geizt angeblich nicht mit harten Urteilen über Kollegen: Zwei bekannten DEFA-Filmern gehe es lediglich um ihren "Glorienschein" und darum "viel Geld zu machen"; sein ehemaliger Chef sei ein "Karrierist, der nur auf Prämien aus ist"; ein Mitarbeiter sei "als Mensch ein echtes Problem". Besonders übel: Tschirner soll zwei Kolleginnen denunziert haben, die sich mit dem Gedanken tragen, die DDR zu verlassen. Er spricht sich dafür aus, ihre Ausreiseanträge abzulehnen. So jedenfalls hält es Tschirners Führungsoffizier in Treffberichten fest: Es erscheine "dem IM nicht zweckmäßig, wenn die Genannten eine Genehmigung zur Übersiedlung erhalten würden." Die Antragstellerinnen beschrieb der IM demzufolge als "derartig verbost und uneinsichtig, dass kein Argument für sie zugängig ist".
Auch hierzu ist von Tschirners Anwalt keine Stellungnahme zu erhalten.
Von der Stasi ausgezeichnet
1984 bekommt Tschirner von der Stasi die Medaille "Für treue Dienste" in Bronze. Auf der Urkunde steht Mielkes Unterschrift. Ein Jahr später fordert IM "Matusch" im Gespräch mit der Stasi mehr politische Einflussnahme auf die Filmemacher. Auch das hat sein Führungsoffizier in der Akte notiert.
Die Demonstranten, die sich am 4. November auf die Straße begeben haben, ahnen von all dem nichts. Als Tschirner auf die Bühne klettert, ist er der geachtete Dokumentarfilmer, ein unabhängiger Geist, ein Vertreter der Opposition. Wüssten die Demonstranten, dass sich hier ein Stasi-Spitzel als Revolutionär inszeniert, würden sie ihn vermutlich von der Bühne schleifen. Ein neues Selbstbewusstsein hat die Menge erfasst. "Stasi raus" skandieren sie. Trotzdem werden die Verfechter des alten Regimes nicht gejagt, sie dürfen sogar auf der Kundgebung reden: Ex-Spionagechef Markus Wolf etwa oder Günter Schabowski, Mitglied des Politbüros. Bei ihnen allerdings wissen die Menschen, woran sie sind. Bei Joachim Tschirner ist das anders.
Fünf Minuten wird er reden, in der Hand einen Zettel, voll mit Stichpunkten. Er wird von seinen Dreharbeiten im bayerischen Auffanglager Grafenau berichten, das die Bundesrepublik 1989 errichtet hatte, um der gewaltigen Flüchtlingsströme aus der DDR Herr zu werden. "Das tiefe Misstrauen der Flüchtlinge uns gegenüber, als Vertreter der Medien, hängt mit ihren jahrzehntelangen Erfahrungen, mit dem Missbrauch der Medien in diesem Lande zusammen", sagt Tschirner. "Hattet ihr mit all dem nichts zu tun?" Es ist eine rhetorische Frage, gerichtet an die leitenden Kader, Chefredakteure und Kommentatoren. Nur er weiß, dass sie auch ihn selbst trifft. Ihn, IM "Matusch", ein gar nicht so kleines Rädchen in der Diktatur. Ihn, der mutmaßlich Fluchtwillige verpfiffen hat. Hier, vor großem Publikum, spricht er wie ein Ankläger über das Schicksal der Flüchtlinge in einem Lager und über ihre Furcht vor den SED-gelenkten Medien.
Berühmt ist Tschirner für seine aufwendige Langzeitdokumentation über Arbeiter im Thüringer Stahlwerk Maxhütte. Einige Teile des Filmzyklus drehte Tschirner zu DDR-Zeiten, andere im wiedervereinten Deutschland. Viel Lob hat er auch für seine Dokumentationen über Künstler erhalten: über den griechischen Komponisten Mikis Theodorakis etwa. In den vergangenen Jahren hat sich Tschirner vor allem mit Umweltproblemen wie dem Austrocknen des in Usbekistan und Kasachstan gelegenen Aralsees beschäftigt. Zuletzt präsentierte er den Film "Yellow Cake - Die Lüge von der sauberen Energie", einen Film über die Zerstörung der Natur durch den Uranbergbau.
Einmal, im Jahr 1999, droht Tschirner aufzufliegen. Der Historiker Walter Süß, ein Mitarbeiter der Forschungsabteilung der Stasi-Unterlagen-Behörde, veröffentlicht ein Buch mit dem Titel "Staatssicherheit am Ende". Süß analysiert auch die Demonstration am 4. November 1989. Er erwähnt IM "Hans Matusch". Dessen Klarnamen aber kürzt er mit Joachim T. ab. Das ist nicht unbedingt üblich. Dass Tschirner bisher nicht enttarnt wurde, verdankt er nicht zuletzt einem Mitarbeiter des Stasi-Archivs.
Er kann sich nach wie vor mit seinem revolutionären Auftritt vor 22 Jahren schmücken.
Auch der 4. November 2009 bietet eine gute Gelegenheit, im Kino Babylon in Berlin-Mitte. Es ist der 20. Jahrestag der Demonstration am Alexanderplatz. Die Partei "Die Linke" lässt den bedeutenden Tag mit szenischen Lesungen, Vorträgen und Filmausschnitten noch einmal aufleben. Das Motto der Veranstaltung: "Eines langen Tages Reise ... Der Weg zur Demokratie". Man könnte auch sagen, die Linkspartei vereinnahmt den Tag für sich. Und Tschirner hat noch einmal einen großen Auftritt. Parteimitglieder und Sympathisanten feiern ihn. Auch der Tageszeitung "taz" sagt Tschirner damals, wie er sich 1989 gefühlt hat: "Als ich auf der Bühne stand, kam blitzartig die ganze Wut dieser Zeit in mir hoch."
Diese angebliche Wut hat am 4. November 1989 auf dem Alexanderplatz einen bemerkenswerten Satz hervorgebracht "Ich plädiere", sagt Tschirner, "für die Analyse von Vergangenem, und ich plädiere auch für die persönliche politische Konsequenz aus dem eigenen Versagen." Dieser Satz wurde oft zitiert, er ist Teil der Erinnerung an jenen Tag wie das Foto des Mannes mit dem dunklen Vollbart und der Hornbrille, der ihn ausgesprochen hat.
Auch er erscheint plötzlich in einem ganz anderen Licht.
Zuletzt geändert am: 08.11.2011 um 17:46
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