Presse

Presseartikel und Berichte über unsere Arbeit finden Sie in der Zukunft unter Aktuelles.
An dieser Stelle finden Sie Presseartikel und Berichte über unsere Arbeit.

 

                                                            ____________________________
   
 
 
 Lieberknecht: Wir dürfen die Opfer der SED-Diktatur nie vergessen//17.06.10

lesen Sie unten weiter 

 

Linkspartei - Champagner für die Roten//09.01.2010

Veröffentlicht von Harry Hinz (hhinz) am 11.01.2010
Presse >>
 

Linkspartei

Champagner für die Roten

Gerhard Besier, einst Berater Helmut Kohls, sitzt nun für Die Linke im sächsischen Landtag. Der Partei kommt der Vorzeige-Intellektuelle gerade recht

 

Die CDU holte ihn einst nach Sachsen. Heute sorgt der Religionswissenschaftler Gerhard Beisier bei den Linken für ungewohnte Ideen

Die CDU holte ihn einst nach Sachsen. Heute sorgt der Religionswissenschaftler Gerhard Beisier bei den Linken für ungewohnte Ideen

 

Mitten im Dresdner Winter tritt ein Mann, der aus der Sonne kommt, in den sächsischen Landtag. Er trägt eine gesunde Bräune. Wo er denn gewesen sei, fragen seine ostdeutschen Kollegen. Der westgeborene Ankömmling nennt einen fremden Ort, in perfekt näselnder Aussprache. Wo das liege, dieses »Rängs«, möchte jemand wissen. »In Frankreich. Ihr würdet es wohl Raims nennen. Und damit ihr einen Eindruck bekommt, wie man dort genießt, habe ich euch aus Reims Champagner mitgebracht.« Typisch Besserwessi? Niemand sieht das so. Man trinkt. Man ist kollektiv angetan. Vom Geschmack und voneinander.

Die Runde ist eine Fraktionssitzung der Linkspartei. Der Ankömmling ist Professor Gerhard Besier, Leiter des Instituts für Europastudien der TU Dresden, Mitglied einer weit verzweigten und vermögenden Familie, wohnhaft mit Frau und Kindern standesgemäß in einer Villa oberhalb der Elbe. Ein Bildungsbürger, wie er im Schwarzbuch traditioneller Altlinker stehen könnte. Doch Besier steht im Abgeordnetenverzeichnis.

Seit Oktober sitzt der 61-Jährige für Die Linke im Landtag, neben der jüngsten Abgeordneten Julia Bonk und dem ehemaligen Stasi-Zuträger Volker Külow. Ein Religionswissenschaftler, der in seinen Büchern über die DDR-Zeit kein gutes Haar lässt am SED-System samt Blockparteien und Kirchen. Ein früherer Berater Helmut Kohls, den Sachsens Christdemokraten 2003 von Heidelberg an die Elbe holten und als Direktor des Hannah-Arendt-Instituts für Totalitarismusforschung einsetzten, wo er möglichst viele Parallelen zwischen NS- und SED-Staat ziehen und sich an der Delegitimierung der DDR abarbeiten sollte. Jetzt steht er dem Wissenschaftsausschuss der Linkspartei vor. Unlängst saß dort noch Werner Bramke, der lange zur intellektuellen DDR-Elite zählte.

Besiers Berufung war ein Coup. Die Überraschung hält an. Auch in der eigenen Partei, deren Landesrat ihn zunächst abgelehnt hatte. »Vor 25 Jahren gab es hier bestimmt viele, die jemanden wie mich gern enteignet hätten«, sagt Besier und lächelt. Vielleicht auch darüber, dass der einst schwer verdauliche Brocken nun für Die Linke zum Appetithappen geworden ist. »Ein intellektuelles Schwergewicht«, schwärmt Fraktionschef André Hahn. »Ein vielschichtiger Denker«, sagt der Parteivorsitzende Rico Gebhardt. Dabei attestierte der so Gelobte noch vor wenigen Jahren dem Programm der PDS, es sei »nicht tragfähig«, weil es vor allem »die Sehnsucht nach Wärme, Schutz und Heimeligkeit« bediene und Menschen »in ein illusionäres Denken« führe. Ein Denken, das wie Drogen wirke.

Nun ja, sagt Hahn, und seine Mundwinkel heben sich einen Millimeter, »Besier ist eben ein Freigeist.« Nun ja, sagt Besier, »die PDS wäre für mich immer noch inakzeptabel«. Die Linke jedoch sei völlig anders, erstaunlich offen, diskussionsfreudig. »Die mögen mich. Und wenn ich mich nun auch politisch an den nötigen Veränderungen unserer Gesellschaft beteiligen will, wo sollte ich das sonst tun, wenn nicht bei der stärksten Oppositionskraft im Landtag?«

Die hat sich tatsächlich verändert. Ihre SED-Vergangenheit, die lange an der Partei klebte wie alter Kaugummi, ist größtenteils Geschichte. Doch den allmählichen Generationswechsel begleiten anhaltende interne Flügelkämpfe: zwischen jenen Abgeordneten, die eine Ost- Volkspartei wollen, und solchen, die sich als linke Opposition verstehen. Mit gravierenden Folgen. Von 25.000 PDS-Mitgliedern im Jahr 2001 sind kaum 12.500 Linke übrig geblieben, deren Durchschnittsalter beträgt 68 Jahre. Wirtschaftskrise, soziale Umbrüche, wachsende Armut vieler bei wachsendem Reichtum weniger – die Partei konnte von diesen ureigenen Themen kaum profitieren und fiel bei der Landtagswahl im vergangenen August um drei Punkte auf 20,6 Prozent. Die Zahlen sind wie ein Notruf. Nach überfälligen programmatischen Reformen. Nach neuer Anziehungskraft über die traditionelle Klientel hinaus. Nach »Zugpferden wie Besier«, wie Parteichef Rico Gebhardt es ausdrückt.

Vor allem den verfahrenen bildungspolitischen und intellektuellen Karren der Linkspartei soll der Professor vorwärtsziehen. Das Zeug dazu hat er, daran zweifelt man nicht einmal in den Regierungsparteien CDU und FDP. Denn Besier hat, was Die Linke bisher weitgehend vermissen ließ. »Er verfügt über weltweite Kontakte, er kann auf Augenhöhe mit Hochschulrektoren diskutieren und ist mittendrin im Bildungsbetrieb«, sagt ein Christdemokrat, der nicht namentlich genannt werden möchte; obwohl Besier kürzlich im Landtag für seine harsche Kritik an der umstrittenen Bologna-Hochschulreform sogar Lob von Sachsens Ex-Justizminister Geert Mackenroth erntete. Ein CDU-Mann pflichtet einem Linken bei – so etwas hat Seltenheitswert in der jüngeren Parlamentsgeschichte des Freistaats.

»Ach links, rechts, konservativ...«, Gerhard Besier macht eine Handbewegung, als verscheuche er eine lästige Fliege. »Auf der Sachebene habe ich schon immer mit Sympathisanten aller Parteien gut zusammengearbeitet, außer mit der NPD. Etwas anderes können wir uns doch auch gar nicht mehr leisten.« Gern verweist er darauf, dass die traditionellen Denkmuster erodieren, genau wie die Milieus der Parteien und deren Wählerschaften. »Ob konservativ oder links – niemand kann ernsthaft leugnen, dass sich in einem der reichsten Länder die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter öffnet. Wir leben in amoralischen Verhältnissen.«

Wenn etwas an Besier berechenbar ist, dann seine Unberechenbarkeit

Solche Sätze klingen sorgfältig auf Linie gebürstet. Doch wenn etwas an Gerhard Besier berechenbar ist, dann seine Unberechenbarkeit. Die CDU musste das bereits erfahren: Am Hannah-Arendt-Institut dachte der Theologe gar nicht daran, sich nur auf das Thema DDR zu stürzen. Er weitete die Perspektive auf Europa aus, gründete Dependancen, trieb Drittmittel auf, was ihm bei der Evaluierung der Institutsarbeit gute Noten einbrachte. Die CDU indes war empört. Auch Kollegen wandten sich gegen ihn. Nach langen Querelen und vergeblichen Bitten um Mäßigung stürzte er über wiederholte heikle Äußerungen zur umstrittenen Scientology-Sekte. »Ein Fehler«, sagt Besier heute. »Aber ich binde mich nie völlig an Ideologien oder Parteien.« Anders ausgedrückt: Das »Zugpferd« ist für Die Linke auch ein bekennendes Risiko.

Das hat er in seiner kurzen Amtszeit hinlänglich bewiesen. Mancher Genosse stöhnt auf, wenn Besier die DDR »Diktatur« und »Unrechtsstaat« nennt. Andere zucken zusammen, weil er das leistungsbezogene Stipendiensystem ausbauen will, obwohl sich die Bundeslinke dezidiert gegen »Fordern und Fördern« ausspricht. Als die rot-rote Koalition in Brandenburg wegen der Stasi-Kapitel in der Vita einiger Linker fast auseinanderflog, meinte Besier zur strategischen Unzeit über den sächsischen Parteifreund und ehemaligen IM Klaus Bartl: Der allseits anerkannte Rechtsexperte sei durchaus justizministrabel. »Jeder Mensch ändert sich, das ist seine Natur. Und man darf Personen wie Bartl, die sich zu lupenreinen Demokraten weiterentwickelt haben, nicht ewig wegen ihrer Vergangenheit ausgrenzen.« Gerhard Besier hat auch ein Psychologie-Diplom.

»Die Linke muss mehr eine Partei für Intellektuelle und Künstler werden«

Kürzlich dürfte manch ein Kollege gewünscht haben, Besier möge sich selbst einweisen: Öffentlich dachte er über eine künftige Koalition mit der CDU nach. Da sah sich der Fraktionschef dann doch zum Eingreifen genötigt. »In absehbarer Zeit undenkbar«, korrigierte André Hahn. »Sag niemals nie«, sinniert hingegen Parteichef Rico Gebhardt. Auch der gelernte Bäcker sieht im hochgebildeten Querdenker keinen waschechten Sozialisten. »Aber Besiers wichtigste Frage ist auch unsere: In welcher Gesellschaft wollen wir leben?« Für die Antwortsuche schweben Gebhardt eine linke Denkfabrik und ein Salon vor, erdacht und geleitet von Besier. »Wir brauchen Ideen aus allen Richtungen und in alle Richtungen, auch ungewöhnliche. Die Linke muss mehr als bisher ebenso eine Partei für Intellektuelle und Künstler werden.«

Geht es nach Gebhardt, mischt Besier bald ganz oben mit, in der Programmdiskussion der Bundeslinken. Obwohl der Neuling bekennt, er könne sich niemals in irgendeiner Partei völlig zu Hause fühlen. »Vielleicht will ich ja gar nicht, dass er ganz bei uns ankommt«, sagt der Parteichef und gönnt sich einen Gedanken von geradezu Besierschem Wagemut: »Vielleicht wäre es mir lieber, wenn er weiterhin ein wenig fremdelte.« Fremde Freunde sind eben immer für Überraschungen gut. Auch wenn nicht alle so bekömmlich sind wie Champagner aus Reims.

http://www.zeit.de/2010/02/S-Besier

 

Zuletzt geändert am: 11.01.2010 um 16:40

Zurück

Hosted by Websitebaker.de