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Lieberknecht: Wir dürfen die Opfer der SED-Diktatur nie vergessen//17.06.10
Streng geheim und vergessen
Mühsam wird die Geschichte des Potsdamer KGB-Gefängnisses entschlüsselt
Jens Blankennagel
POTSDAM. Wer heute in diesen Keller herabsteigt, ahnt, was ihn dort erwartet. Wer aber vor 60 Jahren in diesen Keller musste, wusste so gut wie nichts über das, was kommen würde. Folter und Einsamkeit. Angst und Enge. Der Tod oder doch das Überleben? Es ist der Keller des ehemaligen Gefängnisses des sowjetischen Geheimdienstes in der Potsdamer Leistikowstraße.
Auch von außen wirkt der Ort inmitten herrschaftlicher Pracht beklemmend. Gleich nebenan liegt der Eingang zum Unesco-Weltkulturerbe, zum Neuen Garten mit dem berühmten Schloss Cecilienhof, in dem die Alliierten 1945 die Neuordnung für das geschlagene Nazireich aushandelten. Rings um das ehemalige Gefängnis gibt es prachtvoll sanierte Stadtpalais und herrschaftliche Villen. Und mittendrin: ein dunkler Klotz. Ein optischer Schandfleck. Ein Ort der Erinnerung. Ein jahrzehntelang so geheimer Ort der sowjetischen Spionageabwehr, dass so gut wie nichts bekannt ist über die Häftlinge. Niemand weiß, wie viele Deutsche von 1945 bis 1954 in den 36 Zellen einsaßen, niemand weiß, wie viele sowjetische Soldaten später dort in U-Haft waren.
Fünf Mal mehr Inschriften
"Es gibt keinen ehemaligen Haftort in Deutschland mit einem solch hohen Grad an Authentizität", sagt Gedenkstättenleiterin Ines Reich. Das Gefängnis ist noch so erhalten, wie es die Russen 1994 verließen. Inzwischen wurde es für 2,3 Millionen Euro saniert. Der Putz des 1945 von den Sowjets besetzten Pfarrhauses wurde nur ausgebessert. Deutlich ist zu sehen, wo die großen Fenster zugemauert wurden und nur kleine Zellenfenster blieben.
Der Herzstück der Erinnerung ist der Keller. Die Gänge sind schon ziemlich dunkel und eng, in den winzigen Zellen hängen nur Funzeln. Wer etwas erkennen will, benötigt Taschenlampen. Der Raum ist gerade einmal drei mal vier Meter groß, eine Holzpritsche füllt die Hälfte. "Hier waren zehn Gefangene drin", sagt Reich den acht Besuchern, die sich sehr beengt fühlen.
Trotz fehlender Dokumente fanden Historiker und Restauratoren eine Möglichkeit, die Geschichte dieses geheimen Ortes wenigstens ein wenig zu entschlüsseln. Für die Dauerausstellung, die im Sommer 2011 öffnen soll, suchten sie monatelang die Zellenwände ab. "In der Farbe gibt es viele Inschriften der Inhaftierten", sagt Restaurator Christoph Gramann. "Anfangs gingen wir von 300 Inschriften aus, aber es waren fünf Mal so viele."
Wenn die Taschenlampen den Putz schräg anleuchten, sind die typischen Strichlisten zu sehen, mit denen Häftlinge ihre Tage zählten, es gibt auch Kanonenboote und vor allem unzählige Namen. "In der Fachliteratur waren 60 Namen von deutschen und zehn von sowjetischen Häftlingen bekannt", sagt Reich. "Wir haben 60 neue Namen." Nun sollen die Geschichten zu den Namen entschlüsselt werden. In einem Fall ist es bereits gelungen.
25 Jahre Haft für Reisigsammeln
Im Putz steht: "Erika Sagert, Potsdam, 25 J." Ein Name, der letzte Wohnort, die Strafe. "Wir haben Frau Sagert in Frankfurt/Main gefunden", sagt Ines Reich. "Sie erinnert sich noch genau an die fürchterlichen Situationen hier im Keller." Im kalten Winter 1953 sammelte die damals 24-Jährige Reisig im Wald und wurde in der Nähe des sowjetischen Sperrgebiets in Potsdam verhaftet. Vorwurf: Spionage. Sie saß drei Monate in den Kellerzellen, wurde dann zu 25 Jahren Haft verurteilt und ins berüchtigte sowjetische Lager Workuta gebracht. 1955 kam sie frei. Auf die Frage, warum sie die Inschrift in den Putz gekratzt hat, sagte sie: "Wir dachten, wir verschwinden von der Welt. Es geht nach Sibirien und niemand hört, wo wir abgeblieben sind."
Die Gedenkstättenleiterin sagt: "Wir wollen die Absicht, die hinter den Inschriften steckt, erfüllen: Wir wollen ihre Namen und Schicksale der Öffentlichkeit erzählen."
Zuletzt geändert am: 19.05.2010 um 15:06
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